Ein Interview mit Hasim Cantürk, Betriebsratsvorsitzender bei outokumpu.
Hasim, 100 Jahre Ausbildung, das ist doch ein Grund zu feiern.
Stimmt, das ist aber nur möglich, weil sich die Mitbestimmung dafür immer wieder erfolgreich stark gemacht hat.
Was heißt das?
3 Argumente haben gezogen. Betriebsräte haben überzeugen können, dass eine breite und professionelle Qualifizierung wirtschaftlich sinnvoll ist. Der zweite Aspekt war und ist die Entwicklungsperspektive. Aus- und Weiterbildung ist immer mehr als die Vermittlung von Fertigkeiten und Kenntnissen. Es ist auch Persönlichkeitsbildung. Es ist Kompetenzentwicklung für eine gelingende berufliche und gesellschaftliche Handlungskompetenz. Lange bevor das Berufsbildungsgesetz in den 1970er Jahren dies aufgenommen hat, war dieser Geist für Ausbildung bei Edelstahl richtungsweisend.
Du hast gesagt, dass sich die Mitbestimmung immer wieder für Ausbildung stark macht, wie macht Ihr das?
Dazu muss sich zwei Blicke zurück und einen nach vorn werfen. In den 90er Jahren gab es einen starken Konzentrationsprozess in der Stahlindustrie. Die Fusion von Krupp und Thyssen sollte Synergien heben. Das galt auch für die Aus- und Weiterbildungskapazitäten. Ausbildungsstandorte sollten geschlossen oder verselbständigt werden. Das haben wir mit vielen kreativen Aktionen in Betrieb und Öffentlichkeit wie einer Azubi-Fahrrad-Sternfahrt zum Thyssen-Hochhaus nach Düsseldorf oder Ausbildung in der Krefelder Fußgängerzone verhindern können.
Bei der Veräußerung des Edelstahlbereiches an die finnische Outokumpu 2012 haben wir die Ausbildung tarifvertraglich abgesichert.
Der Blick nach vorn ist von den Transformationsherausforderungen geprägt. Die ökonomischen Standortbedingungen zur Edelstahlproduktion sind im internationalen Vergleich schlecht. Wir müssen schauen, dass wir mit Forschung und Entwicklung, Topqualität, Liefertreue und Kundenservice möglichst viel Beschäftigung halten. Die Erfolgsgeschichten unserer Azubis, von denen viele heute Führungskräfte sind, helfen dabei die Akzeptanz für die Zukunftsinvestition „Ausbildung“ zu sichern.
Was wünscht Du dir für die nächsten 100 Jahre?
Ich würde mich freuen, wenn unsere Mitbestimmungstradition und gewerkschaftlichen Kernwerte wie Respekt, Solidarität und Gerechtigkeit weiter Fundament einer modernen Aus- und Weiterbildung sind. Ich bin davon überzeugt das Vielfalt ein Innovationstreiber ist und das durch Mitbestimmung mehr Selbstbestimmung möglich wird.
Ich finde die Idee von individuellen Qualifizierungsbudgets spannend. Wenn Unternehmen mit Schulen und Hochschulen noch mehr gemeinsam machen sind bestimmt eine Menge neue Geschäftsideen drin.