Grundvoraussetzung sozialer Gerechtigkeit Soziale Mobilität

Soziale Mobilität meint die Bewegung von Personen zwischen sozialen Schichten (Auf-/Abstieg) und das sowohl innerhalb ihrer eigenen Biografie als auch gegenüber der Situation ihrer Eltern. Sie ist ein Gradmesser sozialer Gerechtigkeit.

Senior Vater und sein erwachsener Sohn bei einem Spaziergang

22. April 2022 22. April 2022


Soziale Mobilität bedeutet, dass Menschen ihre soziale Lage verbessern können. Entscheidend ist dabei, ob jemand bessere Chancen hat als die eigene Eltern­generation. Soziale Mobilität ist deshalb ein wichtiger Maßstab für soziale Gerechtigkeit. Nur wenn Herkunft nicht über Lebenswege entscheidet, sind Aufstieg und Teilhabe für alle möglich.

Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie beeinflusst Berufswege, Einkommen und Lebens­chancen, aber auch den wirtschaftlichen und sozialen Erfolg unserer Gesellschaft. Bildungspolitik ist deshalb immer auch Sozial- und Wirtschaftspolitik. Für Gewerkschaften ist sie seit jeher ein Kernanliegen. Ihr Ziel ist es, Kindern aus Arbeiterfamilien den Zugang zu Ausbildung, Weiterbildung und Studium zu erleichtern und echte Aufstiegs­chancen zu eröffnen.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass soziale Mobilität in Deutschland früher stärker ausgeprägt war. Vor allem für die Babyboomer­generation brachte das Wirtschaftswunder viele Aufstiegs­möglichkeiten. Vollbeschäftigung und Reformen im Bildungs­system, etwa das Berufsbildungs­gesetz, haben dazu beigetragen. Heute ist dieser Aufwärts­trend deutlich abgeschwächt. Zwar erreichen immer mehr junge Menschen höhere Abschlüsse, doch führen sie seltener zu einem entsprechenden sozialen Aufstieg.

Die Gründe sind vielfältig. Hohe Mieten, steigende Lebens­kosten und ungleiche Start­bedingungen erschweren Bildungs­wege. Besonders Menschen ohne finanziell gut aufgestelltes Elternhaus stoßen auf große Hürden. Der sogenannte Bildungs­trichter zeigt, dass Kinder aus Arbeiterfamilien deutlich seltener ein Studium aufnehmen und abschließen als Kinder aus Akademiker­familien. Das führt langfristig zu Armut, Arbeits­losigkeit oder prekären Beschäftigungs­verhältnissen.


Lesehilfe: 27 von 100 Arbeiterkinder beginnen mit einem Studium, elf von 100 Arbeiterkinder erwerben den Mastertitel. Haben die Kinder jedoch erst einmal ein Studium begonnen, sind die Erfolgschancen nicht mehr so unterschiedlich. 76% der studierenden Arbeiterkinder schaffen ihren Bachelorabschluss. Bei den Akademikerkindern sind es 82%. (Quelle: Stifterverband (2021): VOM ARBEITERKIND ZUM DOKTOR. S. 3)

Aus gewerkschaftlicher Sicht geht es darum, soziale Nachteile auszugleichen, für die einzelne nichts können. Das beginnt früh, im Kindergarten, setzt sich über Schule und Ausbildung fort und reicht bis zur Hochschule. Später geht es um faire Zugänge zum Arbeits­markt, gute Arbeits­bedingungen, tarifliche Bezahlung und Chancen auf Weiterbildung, auch für Gering­qualifizierte und Menschen mit Migrations­geschichte.

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Hans Böckler Stiftung. Sie wurde von den Gewerkschaften gegründet und verbindet Bildung und Mit­bestimmung. Mit rund 3.000 Stipendien pro Jahr ist sie eines der größten Förderwerke in Deutschland. Besonders wichtig ist, wen sie fördert. Mehr als zwei Drittel der Stipendiat:innen kommen aus Arbeiter­familien und viele haben eine Migrations­geschichte. Gefördert werden Menschen, die sonst deutlich schlechtere Bildungs­chancen hätten.

Ein besonderes Anliegen ist der zweite Bildungs­weg, also das Nachholen der Hochschul­reife nach einer beruflichen Tätigkeit. In Einzelfällen unterstützt die Stiftung auch Studierende, die nach formalen Regeln keine Förderung erhalten, etwa aus sozialen oder biografischen Gründen. So leistet sie einen konkreten Beitrag zu mehr sozialer Mobilität und gesellschaftlicher Teilhabe.

Politische Vorhaben zur Stärkung sozialer Mobilität müssen sich an diesem Anspruch messen lassen. Zwar gibt es ambitionierte Ziele, etwa bei der BAföG Reform. Die bisherigen Ergebnisse bleiben jedoch hinter den Erwartungen zurück. Positiv ist die Anhebung der Eltern­freibeträge, sie kann mehr jungen Menschen den Zugang zu Förderung eröffnen. Klar ist jedoch auch: Für echte soziale Mobilität braucht es langfristige Investitionen in Bildung, gute Arbeit und soziale Sicherheit.

Den ganzen Artikel gibt es im Infodienst BBAktuell auf Seite 10

BBAktuell - MOBILITÄT (01/2022)

MOBILITÄT UND SOLIDARITÄT über die Grenzen der beruflichen Bildung hinaus.