Debatten zur beruflichen Bildung Ökonomische Erfahrung als Schlüssel politischer Orientierung

Empirische Befunde zeigen: Ökonomische Unsicherheit prägt politische Orientierung junger Menschen. Berufliche Bildung kann durch strukturelles Verständnis und Erfahrungsräume demokratische Resilienz stärken.

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Wer in Deutschland eine Ausbildung macht, lernt in der Berufsschule, wie man fachlich kompetent wird. Was Auszubildende dort nicht lernen: wie ein Tarifvertrag funktioniert, was Mitbestimmung praktisch bedeutet, warum Löhne stagnieren, während Unternehmensgewinne steigen.

Diese Lücke ist kein Zufall. Sie ist ein bildungspolitisches Versäumnis mit demokratischen Folgen: Wo strukturelle Zusammenhänge unklar bleiben, werden individuelle Ausstiegsphantasien plausibel.

Die Diagnose der Landtagswahl Rheinland-Pfalz 2026 zeigt: Junge Menschen, die ihre ökonomische Lage als schlecht bewerten, wählten zu 40 Prozent die AfD. Mehr als doppelt so viele wie die CDU!¹ Berufliche Bildung entscheidet darüber, ob junge Menschen zentrale ökonomische Zusammenhänge nachvollziehen und ihre eigene Handlungsfähigkeit im Arbeitsleben erfahren. Doch genau hier liegt das Problem.

Strukturelle Lücken im Berufsbildungssystem

Die Folgen sind empirisch belegt. Das Handbuch Demokratiebildung (FU Berlin 2025) zeigt: Berufsschulen weisen von allen Schulformen die geringsten Angebote an Demokratiebildung auf, obwohl ihre Schüler:innen am unmittelbarsten von ökonomischen Fragen betroffen sind, die Populisten instrumentalisieren.² Der Befund ist eindeutig: „Besonders gering sind die Angebote an den beruflichen Schulen, allerdings sind sie dort von besonderer Relevanz.”

In vielen Ausbildungsbetrieben werden Fragen zu Lohnentwicklung, Sozialversicherung oder kollektiven Aushandlungsprozessen nur am Rand oder gar nicht behandelt. Junge Menschen erhalten damit wenig Gelegenheit, die Funktionsweise des Arbeitsmarkts und die Bedeutung kollektiver Interessenvertretung zu verstehen. Dies schwächt ihr Wissen über zentrale Mechanismen des Berufsbildungssystems und eröffnet Raum für vereinfachende Deutungen, die individuelle Verantwortung betonen, aber strukturelle Ursachen ausblenden.

Wenn Influencer Deutungsangebote liefern

Diese Deutungslücke wird gezielt besetzt: von Finanz-Influencern auf TikTok und YouTube, die individuelle Ausstiegsstrategien predigen. Die Movember-Studie 2024 (3.000 junge Männer in UK, USA, Australien) zeigt: 63 Prozent konsumieren regelmäßig Inhalte von „Masculinity Influencern”.³ Diese Gruppe berichtet signifikant höhere psychische Belastung (27% fühlen sich wertlos vs. 22% bei Nicht-Konsumenten) und gleichzeitig geringere Bereitschaft, Hilfe zu suchen (45% vs. 55%) – ein klassisches Syndrom toxischer Selbstoptimierung.

Das Institute for Strategic Dialogue belegt: Diese Inhalte funktionieren als „Gateway-Narrative” der Schritt von „Arbeit ist Sklaverei” zu „Politiker verraten uns” ist medial und psychologisch kurz.⁴ Die Botschaft lautet nicht: „Kämpfe kollektiv für bessere Bedingungen”, sondern: „Steige individuell aus”. Sie trifft eine reale Erfahrung: Lohnstagnation, steigende Mieten, das Gefühl, dass Fleiß sich nicht auszahlt. Sie bietet Erklärung und Handlungsoption zugleich – das klassische Erfolgsrezept populistischer Kommunikation.

Finanzbildung als umkämpftes Terrain

Wo Lohnstrukturen, Tarifwirkungen und der Zusammenhang zwischen individueller Erwerbsarbeit und sozialer Absicherung unklar bleiben, entstehen Deutungslücken. Diese werden zunehmend durch Lobby-Organisationen wie den Bankenverband besetzt, der „Finanzbildung” als Produktmarketing betreibt.⁵

Die OECD-Studie 2024 zeigt: Deutschland hat ein Bildungsdefizit nicht bei Grundkenntnissen, sondern beim Verständnis struktureller Zusammenhänge, warum Löhne trotz Produktivitätssteigerung stagnieren, wie Sozialversicherungssysteme funktionieren, welche Rolle Tarifverträge spielen.⁶ Nur 52 Prozent der Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter fühlen sich bei Rentenplänen sicher, aber nur 18 Prozent halten Aktienprodukte. Das ist kein „Bildungsdefizit”. Das ist rationale Risikovermeidung bei unsicheren Einkommen.

Hier liegt ein struktureller Widerspruch: Die lautesten Stimmen für mehr Finanzbildung sind Banken, ETF-Anbieter und private Vorsorgegesellschaften. Ihr Interesse an „Financial Literacy” ist real, aber es ist ein anderes als das emanzipatorische Interesse von Arbeitnehmer:innen. Individualisierende Finanzbildung („Sorge selbst vor!”) stärkt Produktmärkte. Emanzipatorische Finanzbildung („Verstehe, warum Löhne stagnieren!”) stärkt kollektive Handlungsfähigkeit. Beide nennen sich „Finanzbildung”. Sie sind politisch entgegengesetzt.

Medienkompetenz als demokratische Grundkompetenz

Die RAND Corporation zeigt in ihrer Media Literacy-Forschung seit 2019: Medienkompetenz reduziert die wahrgenommene Glaubwürdigkeit von Desinformation messbar, aber nur, wenn sie systematisch gelehrt wird.⁷ Finnland und Schweden, die Medienliteracy früh ins Curriculum integrierten, zeigen signifikant bessere Ergebnisse bei der Erkennung manipulativer Inhalte.

Deutschland hinkt hier strukturell hinterher, insbesondere an Berufsschulen. Das Kultusministerium Rheinland-Pfalz gab erst 2024 eine Handreichung „Demokratiebildung an berufsbildenden Schulen” heraus.⁸ Ein Zeichen, dass das Problem erkannt ist, aber noch keine flächendeckende Lösung existiert.

Die Konsequenz ist messbar: Wo Medienkompetenz fehlt, werden junge Menschen anfällig für die parasozialen Bindungen, die Influencer-Formate erzeugen. Die Forschung zeigt: Digitale Medienliteracy reduziert die wahrgenommene Glaubwürdigkeit von Falschinformationen, und der Trainingseffekt überträgt sich auf verschiedene Formate.

Was berufliche Bildung leisten muss

Eine berufliche Bildung, die demokratische Handlungsfähigkeit stärken soll, muss über die Vermittlung beruflicher Fachkompetenzen hinausgehen. Sie benötigt eine verlässliche Grundlage ökonomischer Orientierung, die sowohl individuelle als auch kollektive Zusammenhänge einbezieht.

Dazu gehören:

  • Kenntnisse über Lohnstrukturen und Tarifbindung
  • Ein Verständnis der Sozialversicherung als solidarisches System
  • Die Fähigkeit, digitale Finanzkommunikation kritisch einzuordnen
  •  Erfahrungsräume, in denen kollektive Wirksamkeit sichtbar wird

Diese Perspektive knüpft an aktuelle fachpolitische Diskussionen im Bundesinstitut für Berufsbildung an. Dort wird zunehmend thematisiert, dass berufliche Bildung einen Beitrag zur Stärkung gesellschaftlicher Teilhabe leisten soll. Die Analyse zeigt, dass dies nur gelingen kann, wenn das Berufsbildungssystem jungen Menschen ermöglicht, zentrale ökonomische Zusammenhänge zu verstehen und die eigene Arbeits- und Lebenssituation kompetent einzuordnen.

Die DGB-Jugend-Berufsschultour zeigt: Wenn Jugendliche erfahren, was ein Tarifvertrag konkret für ihren Lohn bedeutet, verändert das Einstellungen nachhaltig. Das Prinzip ist „Jugend für Jugend”: junge Gewerkschafter:innen berichten aus eigenem Erleben, nicht Lehrer:innen aus Lehrbüchern.⁹ Erfahrbare Differenz zwischen individueller Verhandlung und kollektiver Interessenvertretung wird zur konkreten Erfahrung.

Die Systemfrage stellen

Die eigentliche Frage lautet: Warum fehlt diese Bildung systematisch?

Die Antwort ist unbequem: Weil Tarifvertragswissen, Mitbestimmungskompetenz und kritisches Verständnis von Verteilungskonflikten junge Lohnabhängige zu mündigen Akteuren machen würden in Betrieben, in Gewerkschaften, in der Politik. Wer seine kollektive Macht kennt, sucht keine individuellen Auswege.

Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist strukturelle Analyse: Ein Bildungssystem, das ökonomische Zusammenhänge verschleiert statt aufzuklären, reproduziert Herrschaft. Die politische Anschlussfähigkeit vereinfachender und ausgrenzender Narrative entsteht nicht isoliert, sondern aus fehlenden strukturellen Erklärungen.

Berufliche Bildung kann hier einen wesentlichen Beitrag leisten, indem sie Transparenz über ökonomische Prozesse herstellt und das Zusammenspiel von individueller Kompetenz und kollektiven Strukturen nachvollziehbar macht. Damit wird berufliche Bildung zu einem Ort, an dem demokratische Orientierung erfahrbar wird.

Wir wollen diese Systemfrage angehen: Berufliche Bildung, die demokratische Handlungsfähigkeit stärken soll, muss Macht beim Namen nennen. Sonst bleibt sie Symptomverwaltung.

Konkret heißt das:

  • Tarifvertragswissen in Berufsschule vermitteln – verpflichtend, nicht freiwillig
  • Kooperation mit der DGB-Jugend Berufsschultour und Jugendbildungsreferenten der IG Metall Jugend für Peer-to-Peer-Bildung
  • Medienliteracy aus der Berufsbildposition Digitalisierung in der Ausbildungsplanung verankern und vermitteln
  • Kritische Finanzbildung statt Produktmarketing durch Bankenverband
  • JAV-Simulationen und Betriebsratsplanspiele als didaktisches Standardformat in Berufsschule und Betrieb

Ohne diese Grundlage bleiben individualisierte Ausstiegsnarrative attraktiver als realistische Perspektiven kollektiver Gestaltung. Wir brauchen keine „bessere Kommunikation” demokratischer Parteien. Wir brauchen Bildung, die kollektive Handlungsfähigkeit zurück ins Leben junger Menschen bringt, als konkrete Erfahrung, nicht als abstrakten Appell.

 


Empirische Befunde zur ökonomischen Orientierung

  • Die subjektive wirtschaftliche Lage beeinflusst politische Entscheidungen in hohem Maß;
  • viele junge Menschen fühlen sich trotz formaler Bildung in ökonomischen Fragen unzureichend informiert; 
  • grundlegende Zusammenhänge zu Lohnentwicklung, Sozialversicherung und Verteilung werden häufig nicht sicher verstanden.

Wirkung digitaler Finanznarrative

  • Digitale Finanznarrative greifen reale Unsicherheiten junger Menschen auf; 
  • sie reduzieren komplexe Ursachen auf individuelle Lösungen; 
  • sie blenden kollektive Gestaltungsmöglichkeiten aus; 
  • sie verstärken die Individualisierung struktureller Probleme und erzeugen ein Gefühl begrenzter Wirksamkeit.

Perspektiven für die berufliche Bildung

  • Berufliche Bildung kann einen systematischen Zugang zu Lohnstrukturen und tariflichen Mechanismen vermitteln; 
  • das Verständnis solidarischer Sicherungssysteme muss in den Bezügen der Arbeitswelt gestärkt werden; 
  • digitale Finanzkommunikation sollte kritisch eingeordnet werden; 
  • junge Menschen benötigen Erfahrungsräume, in denen kollektive Handlungsfähigkeit sichtbar wird.

Quellenverzeichnis

¹ Forschungsgruppe Wahlen (2026): Landtagswahl Rheinland-Pfalz – Wahlanalyse nach Alter und wirtschaftlicher Lage. Online: https://www.forschungsgruppe.de/Aktuelles/Wahlanalyse_Rheinland-Pfalz/ 

² Achour, Sabine / Sieberkrob, Matthias / Pech, Detlef / Zelck, Johanna / Eberhard, Philip (Hrsg.) (2025): Handbuch Demokratiebildung und Fachdidaktik. Band 1: Grundlagen und Querschnittsaufgaben. Frankfurt/M.: Wochenschau Verlag (Open Access). Online: https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/46791

³ Movember Foundation (2024): Young Men’s Health in a Digital World. Survey von 3.000+ jungen Männern (16-25 Jahre) in UK, USA, Australien. Online: https://ex.movember.com/movember-institute/masculinities-report

⁴ Institute for Strategic Dialogue: Gateway Narratives Research – Wie Finanz/Crypto-Content als Einstieg in extremistische Weltbilder funktioniert. Online: https://www.isdglobal.org/

⁵ Association of German Banks (2025): Financial education: a position paper. Berlin, Oktober 2025. Online: https://bankenverband.de/en/financial-education/financial-education-position-paper

⁶ OECD (2024): Financial literacy in Germany: Supporting financial resilience and well-being. OECD Business and Finance Policy Papers, No. 43. Paris: OECD Publishing. DOI: https://doi.org/10.1787/c7a28393-en

⁷ RAND Corporation (2019): Huguet, Alice / Kavanagh, Jennifer / Baker, Garrett / Blumenthal, Marjory S.: Exploring Media Literacy Education as a Tool for Mitigating Truth Decay. Research Report RR-3050-RC. Online: https://www.rand.org/pubs/research_reports/RR3050.html

Siehe auch: Baker, Garrett / Faxon-Mills, Susannah / Huguet, Alice / Pane, John F. / Hamilton, Laura S. (2021): Approaches and Obstacles to Promoting Media Literacy Education in U.S. Schools. RAND Corporation, RR-A112-19. Online: https://www.rand.org/pubs/research_reports/RRA112-19.html

⁸ Kultusministerium Rheinland-Pfalz (2024): Demokratiebildung an berufsbildenden Schulen – Handreichung. Online: https://bildung.rlp.de/demokratie/aktuelles/nachrichten-detailanzeige/handreichung-demokratiebildung-in-der-berufsbildenden-schule 

⁹ DGB-Jugend: Berufsschultour – Projekt „Jugend für Jugend”. Peer-to-Peer-Bildung zu Tarifverträgen und Mitbestimmung. Online: https://jugend.dgb.de/ausbildung/berufsschultour 

 

Weitere Quellen:

BIBB (2020-2024): Kompetenznetzwerk „Demokratieförderung in der beruflichen Bildung”. Bundesprogramm „Demokratie leben!”. Online: https://www.bibb.de/de/205120.php 

Fraser, Nancy (2013): Fortunes of Feminism: From State-Managed Capitalism to Neoliberal Crisis. London/New York: Verso.

Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns (2 Bände). Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Honneth, Axel (1992): Kampf um Anerkennung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Jaeggi, Rahel (2014): Kritik von Lebensformen. Berlin: Suhrkamp.

OEBiX-Studie (2024): Ökonomische Bildung in Deutschland. Institut für Ökonomische Bildung (IÖB), Oldenburg. Online: https://ioeb.de/de/beitrag/aktualisierte-oebix-studie-erschienen.html

UN Women (2025): What is the manosphere and why should we care? Online: https://news.un.org/en/story/2025/06/1164531