Das Deutsche Schulbarometer 2025/26 der Robert Bosch Stiftung legt einen zentralen Befund vor: Schüler:innen in Deutschland erleben ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten als gering, gleichzeitig wünscht sich eine deutliche Mehrheit von rund 64 bis 74 Prozent mehr Beteiligung in nahezu allen schulischen Bereichen. Für berufliche Bildungsexpert:innen, Betriebsrät:innen und Ausbilder:innen liefert diese Studie wichtige Anhaltspunkte, denn die schulische Partizipationsforschung und die betriebliche Mitbestimmung teilen eine gemeinsame Grundüberzeugung: Wer mitbestimmt, ist motivierter, fühlt sich zugehörig und entwickelt demokratische Handlungsfähigkeit.
Wie die Studie entstanden ist
Die Befragung wurde vom 9. Mai bis zum 3. Juni 2025 als Online-Erhebung durchgeführt. Die Stichprobe umfasst 1.507 Schüler:innen allgemeinbildender und berufsbildender Schulen im Alter von 8 bis 17 Jahren sowie jeweils einen Erziehungsberechtigten. Die Ergebnisse sind repräsentativ für Deutschland bei einer Fehlertoleranz von plus oder minus drei Prozentpunkten. Das Instrument wird seit 2019 von der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der Universität Leipzig eingesetzt und kontinuierlich weiterentwickelt.
Was die Daten zeigen: Partizipation ist gering, der Wunsch danach ist groß
Beim Thema Mitbestimmung zeichnet die Studie ein eindeutiges Bild. Die befragten Schüler:innen geben an, dass sie am ehesten bei Klassenregeln mitbestimmen können: Immerhin 34 Prozent sagen, hier viel oder sehr viel Einfluss zu haben. Bei schulischen Aktivitäten wie der Themenwahl für Projektwochen sind es 19 Prozent. Deutlich geringer fällt die wahrgenommene Partizipation im Unterricht aus. Nur 5 Prozent können bei der Auswahl der Unterrichtsmaterialien (sehr) viel mitbestimmen, bei den Unterrichtsinhalten sind es sogar nur 3 Prozent.
Im Bereich Prüfungen und Leistungsbewertung sind die Werte am niedrigsten: 70 Prozent der Befragten geben an, bei der Notengebung gar nicht mitbestimmen zu können, 64 Prozent sagen dies für Prüfungstermine, und 54 Prozent für die Art der Prüfungsgestaltung.
Gleichzeitig ist der Wunsch nach mehr Mitbestimmung bei allen abgefragten Bereichen sehr ausgeprägt. Rund 74 Prozent der Schüler:innen möchten bei der Auswahl der Unterrichtsthemen mehr mitreden, 72 Prozent bei der Entscheidung über schulische Aktivitäten und 72 Prozent bei der Notengebung. Selbst bei Klassenregeln, wo die tatsächliche Mitbestimmung schon vergleichsweise hoch ist, wünschen sich noch 64 Prozent mehr Beteiligung.
Der Zusammenhang zwischen Mitbestimmung und Wohlbefinden
Besonders bedeutsam ist der Befund, dass Partizipation direkt mit schulischem Wohlbefinden und Lebensqualität zusammenhängt. Schüler:innen mit hohem schulischem Wohlbefinden berichten in nahezu allen Bereichen häufiger davon, mitbestimmen zu können. So geben 47 Prozent der Schüler:innen mit hohem Wohlbefinden an, bei Klassenregeln viel mitzubestimmen, während dieser Anteil bei geringem Wohlbefinden auf 17 Prozent fällt. Bei der Entscheidung über Einzel- oder Gruppenarbeit sind es 37 Prozent bei hohem gegenüber nur 5 Prozent bei geringem Wohlbefinden.
Die Studie weist ausdrücklich darauf hin, dass aus diesen Zusammenhängen keine Kausalaussage abgeleitet werden kann. Dennoch liefert sie plausible theoretische Grundlagen: Angelehnt an die Selbstbestimmungstheorie von Ryan und Deci fördern Partizipationsmöglichkeiten das Erleben von Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit. Diese drei psychologischen Grundbedürfnisse gelten als zentrale Voraussetzungen für intrinsische Motivation und damit für nachhaltiges Lernen und Wohlbefinden.
Schülervertretung: Weit verbreitet, aber mit begrenztem Einfluss
91 Prozent der befragten Schüler:innen geben an, dass es an ihrer Schule eine gewählte Schülervertretung gibt. Jedoch glaubt nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten, dass diese Vertretung auch tatsächlich Einfluss auf das Schulgeschehen hat. Besonders kritisch urteilen Schüler:innen mit geringem schulischem Wohlbefinden: 59 Prozent von ihnen schätzen den Einfluss der Schülervertretung als gering ein. Die Studie stellt fest, dass es an einigen Schulen entgegen gesetzlicher Vorgaben gar keine Schülervertretung gibt, was nicht hinnehmbar ist.
Was Lehrkräfte anders sehen
Die Studie weist auf eine bedeutsame Wahrnehmungslücke hin. Während Schüler:innen ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten als gering einstufen und sich mehrheitlich mehr Partizipation wünschen, hält rund die Hälfte der befragten Lehrkräfte die bestehenden Beteiligungsstrukturen für ausreichend. Diese Diskrepanz zwischen der Einschätzung der Lehrkräfte und der Lebenswirklichkeit der Schüler:innen ist aus bildungspolitischer Sicht ein zentrales Problem. Ähnliche Befunde zeigen sich in früheren Studien der Bertelsmann Stiftung und anderer Forschungsgruppen.
Relevanz für die berufliche Bildung und Betriebsratsarbeit
Auch wenn sich die Studie auf allgemein- und berufsbildende Schulen bezieht, sind ihre Erkenntnisse unmittelbar auf die berufliche Bildung übertragbar. Auszubildende, die gewohnt sind, ihre Lernwege mitzugestalten, bringen diese Kompetenz in den Betrieb. Wo Mitbestimmung als selbstverständlich erlebt wurde, fällt die Beteiligung an betrieblichen Strukturen leichter. Betriebsrät:innen können diese Erkenntnisse nutzen, um im Dialog mit Ausbilder:innen und Unternehmensleitungen für partizipative Ausbildungsstrukturen einzutreten.
Das Betriebsverfassungsgesetz verankert die Mitbestimmung der Arbeitnehmervertretung in Fragen der Berufsbildung in Paragraph 98. Ausbilder:innen wiederum sind nach dem Berufsbildungsgesetz verpflichtet, Auszubildende zu eigenverantwortlichem Handeln zu befähigen. Die Befunde des Schulbarometers bestärken diese gesetzlichen Vorgaben mit aktuellen empirischen Daten: Mitbestimmung ist kein pädagogischer Luxus, sondern eine nachweisliche Grundlage für Wohlbefinden, Motivation und demokratische Bildung.
Empfehlungen für die Praxis
Die Studie empfiehlt, bestehende Strukturen wie Schülervertretungen und Klassenleitungsstunden gezielt auszubauen. Transparente Entscheidungsprozesse sowie altersgerechte und strukturell verankerte Beteiligungsformate seien unabdingbar. Partizipation dürfe nicht als optionales Element des Schullebens behandelt werden, sondern müsse als grundlegendes Prinzip von Unterricht und Schulentwicklung verstanden werden.
Für die berufliche Bildung bedeutet das: Betriebliche Ausbildungsplanung sollte Auszubildende aktiv in die Gestaltung ihrer Lernwege einbeziehen. Jugend- und Auszubildendenvertretungen müssen gestärkt und als echte Mitbestimmungsorgane wahrgenommen werden. Ausbilder:innen brauchen Fort- und Weiterbildung, die partizipative Methoden und demokratische Lernkulturen vermittelt