Wer entscheidet, welchen Beruf erlernt wird, orientiert sich oft an eigenen Erfahrungen, dem familiären Umfeld oder verbreiteten Vorstellungen über bestimmte Tätigkeiten. Umso wichtiger sind Begegnungen mit Menschen, die aus erster Hand von ihrem Berufsalltag berichten können.Genau hier setzen Ausbildungsbotschafter:innen an. Sie besuchen Schulklassen und sprechen mit Jugendlichen über ihre Ausbildung, den Arbeitsalltag im Betrieb und ihre persönlichen Erfahrungen.
Eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der Technischen Universität Darmstadt zeigt nun, dass diese Besuche einen messbaren Beitrag zur beruflichen Orientierung leisten. Für die Untersuchung wurden 1.041 Schüler:innen ab der Jahrgangsstufe 9 vor und nach den Schulbesuchen befragt. Zusätzlich wurde eine Kontrollgruppe einbezogen. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob persönliche Erfahrungsberichte von Auszubildenden das Interesse an MINT Berufen stärken können.
Mehr Wissen und größeres Interesse
Die Ergebnisse fallen eindeutig aus: Schülerinnen gaben nach dem Besuch häufiger an, mehr über die vorgestellten technischen und IT Berufe zu wissen. Gleichzeitig konnten sie sich eher vorstellen, selbst eine Ausbildung oder spätere Tätigkeit in diesen Bereichen aufzunehmen.
Bei den Schülern konnten dagegen keine vergleichbaren Veränderungen festgestellt werden. Für die Forschenden ist das dennoch ein wichtiger Befund. Denn gerade Frauen sind in vielen technischen Ausbildungsberufen weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Ausbildungsbotschafter:innen können somit einen Beitrag dazu leisten, traditionelle Rollenvorstellungen bei der Berufswahl aufzubrechen.
Besonders interessant: In der Studie wurden überwiegend männliche Ausbildungsbotschafter eingesetzt. Dennoch zeigten sich bei den Schülerinnen positive Effekte. Das spricht dafür, dass nicht allein das Geschlecht der Vorbilder entscheidend ist. Offenbar kommt es vor allem darauf an, dass junge Menschen authentische Einblicke in reale Ausbildungswege erhalten und Berufswege dadurch greifbarer werden.
Persönliche Einblicke ersetzen keine strukturellen Veränderungen
Die Untersuchung macht aber auch deutlich, dass Schulbesuche allein nicht alle Hürden beseitigen. Zwar stiegen Wissen und Interesse an MINT Berufen. Die Einschätzung der Jugendlichen, eine solche Ausbildung erfolgreich bewältigen zu können, veränderte sich hingegen kaum. Das zeigt: Berufsorientierung braucht mehr als einzelne Informationsangebote. Schulen, Betriebe und Politik sind gefordert, junge Menschen langfristig zu begleiten, Selbstvertrauen zu stärken und Zugänge zu attraktiven Ausbildungsberufen zu erleichtern. Dazu gehören gute Lernbedingungen, hochwertige Praktika und eine moderne Berufsorientierung, die möglichst viele Berufsfelder sichtbar macht.
Gute Ausbildung ist unsere DNA
Aus gewerkschaftlicher Sicht werfen die Studienergebnisse noch eine weitere spannende Frage auf: Könnten Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) nicht besonders geeignete Ausbildungsbotschafter:innen sein?
Vieles spricht dafür. Mitglieder einer JAV kennen die Ausbildung aus eigener Erfahrung. Gleichzeitig vertreten sie die Interessen von Auszubildenden und können auf Augenhöhe erklären, welche Rechte junge Beschäftigte haben und warum Mitbestimmung im Betrieb wichtig ist. Sie könnten damit nicht nur für Ausbildungsberufe werben, sondern auch für gute Ausbildungsbedingungen sensibilisieren.
Gerade in Zeiten des anwachsenden Populismus reicht es nicht, junge Menschen für Berufe zu gewinnen. Ebenso wichtig ist es, sie dabei zu unterstützen, ihre Interessen selbstbewusst zu vertreten und demokratische Selbstwirksamkeit zu erfahren. Jugend- und Auszubildendenvertretungen könnten deshalb einen doppelten Beitrag leisten: Sie zeigen attraktive berufliche Perspektiven auf und vermitteln zugleich, welchen Wert Mitbestimmung, Solidarität und demokratisch-gewerkschaftliche Organisation für eine gute Ausbildung haben.