Keine Talente übersehen Motivation vorhanden, Chancen fehlen

Jugendliche mit Hauptschulabschluss wollen arbeiten und eine Ausbildung machen. Viele bringen dafür gute Voraussetzungen mit. Trotzdem scheitern sie oft an Auswahlverfahren, die zu stark auf Schulabschlüsse und -Noten schauen. Betriebe verschenken damit Potenziale.

Ein junger Mann blickt lächelnd in die Kamera.

15. Oktober 2026 15. Oktober 2026


Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss haben es auf dem Ausbildungsmarkt oft schwer. Das liegt jedoch nicht daran, dass ihnen Motivation oder berufliche Ziele fehlen. Im Gegenteil: Eine aktuelle Auswertung des Nationalen Bildungspanels (NEPS) zeigt, dass die große Mehrheit dieser Jugendlichen eine Ausbildung anstrebt und meist realistische Berufswünsche hat.

Die Studie macht deutlich, dass Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss keine einheitliche Gruppe sind. Ihre Leistungen und Potenziale unterscheiden sich stark. Während die durchschnittlichen schulischen Kompetenzen häufig unter denen von Jugendlichen mit höheren Abschlüssen liegen, erreichen die leistungsstärksten von ihnen Grundkompetenzen (Lesen und Mathe), die mit jungen Menschen nach dem Mittleren Schulabschluss oder sogar mit Fachabiturient:innen vergleichbar sind.

Auch bei sozialen Kompetenzen zeigen sich kaum Unterschiede zu anderen Schulabgänger:innen. Die Autorinnen der Studie verweisen zudem auf eine hohe Bereitschaft dieser Jugendlichen, sich dauerhaft in Ausbildung und Arbeit zu integrieren. 

Rund 80 Prozent der Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss planen eine Berufsausbildung. Viele verfolgen konkrete und für sie erreichbare Berufsziele. Dennoch gelingt der direkte Einstieg in eine Ausbildung deutlich seltener als Jugendlichen mit höheren Schulabschlüssen. Besonders schwierig ist die Situation für junge Menschen ohne Schulabschluss. Nur ein kleiner Teil von ihnen startet unmittelbar in eine Ausbildung. Viele wechseln zunächst in berufsvorbereitende Maßnahmen. Diese können zwar den Übergang in Ausbildung unterstützen, führen aber längst nicht immer zum gewünschten Erfolg. Häufig schließen sich weitere Maßnahmen an oder die Jugendlichen landen in Arbeitslosigkeit beziehungsweise in gering qualifizierter Beschäftigung.

 

Schulabschluss ist nicht alles

Die Studienautorinnen kritisieren, dass Betriebe in ihren Auswahlverfahren oft zu stark auf formale Bildungsabschlüsse schauen. Individuelle Stärken, Motivation und Entwicklungspotenziale würden dadurch häufig übersehen.

Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ist das ein Problem. Unternehmen, die Bewerber:innen vorschnell aussortieren, verzichten möglicherweise auf motivierte Nachwuchskräfte. Wer stattdessen genauer hinschaut und Potenziale in den Mittelpunkt stellt, kann neue Zielgruppen für die Ausbildung gewinnen. Dazu gehören beispielsweise praxisnahe Auswahlverfahren, Probearbeitstage oder Gespräche, die stärker auf Kompetenzen und Interessen eingehen. Auch eine intensivere Begleitung während der Ausbildung kann junge Menschen unterstützen, die nicht den klassischen Bildungsweg mitbringen.

Junge Menschen dürfen nicht auf ihren Schulabschluss reduziert werden. Der Übergang von der Schule in den Beruf entscheidet oft früh über weitere Bildungs und Erwerbschancen. Deshalb braucht es Ausbildungsplätze, die auch Bewerber:innen mit Hauptschulabschluss und Jugendlichen ohne Abschluss offenstehen.

 

Betriebsräte können den Wandel unterstützen

Betriebsräte können dazu beitragen, die Ausbildungschancen für Jugendliche zu verbessern. Sie haben Mitbestimmungsrechte bei personellen Auswahlverfahren und können darauf achten, dass Bewerber:innen fair bewertet werden.

Denkbar sind zum Beispiel Vereinbarungen über Ausbildungsquoten, um ausreichend Ausbildungsplätze bereitzustellen. Betriebsräte können außerdem Einstellungs- und Auswahlverfahren aktiv begleiten und darauf hinwirken, dass neben Schulnoten auch Motivation, praktische Fähigkeiten und Entwicklungspotenziale berücksichtigt werden. So können sie helfen, mehr jungen Menschen den Einstieg in eine qualifizierte Ausbildung zu ermöglichen und zugleich den Fachkräftenachwuchs zu sichern.