Demokratische Ausbildungskultur Selbstevaluation für Ausbilder:innen: die eigene Ausbildungspraxis prüfen

Ein europäisches Sozialpartner-Projekt hat ein Instrument entwickelt, mit dem betriebliches Bildungspersonal die eigene Praxis reflektieren kann: im Umgang mit Vielfalt, bei der Beteiligung von Auszubildenden und in der eigenen Weiterbildung.

Die Rückansicht eines Mädchens das eine Europa Flagge hält

Ausbildungsqualität entscheidet sich nicht nur an Prüfungsergebnissen und Übernahmequoten. Sie zeigt sich auch daran, ob Auszubildende fair behandelt werden und ob sie bei Entscheidungen, die ihre Ausbildung betreffen, eine Stimme haben. Vieles davon hängt am täglichen Handeln der Ausbilder:innen, oft ohne dass es ausdrücklich zum Thema wird.

Das hier vorgestellte Instrument stammt aus dem europäischen Projekt #GetInvolved, an dem unter anderem die QBS Gewerkstatt und die Leibniz Universität Hannover beteiligt waren. Es umfasst Aussagen in vier Bereichen: Vielfalt, Partizipation, Fortbildungen und soziales Engagement. Ausbilder:innen schätzen sich selbst ein und behalten das Ergebnis.

Was die Selbstevaluation leistet und was nicht

Das Instrument ist kein Test mit Bestehensgrenze. Es liefert eine Standortbestimmung, keine Bewertung der fachlichen Ausbildungsleistung. Der Nutzen liegt in den Fragen selbst: Viele Aussagen betreffen Routinen, die im Ausbildungsalltag selten hinterfragt werden. Wer im Team Aufgaben verteilt, achtet nicht automatisch darauf, ob dabei immer dieselben Auszubildenden dieselben Rollen bekommen. Wer Leistungen beurteilt, prüft selten, ob die eigenen Erwartungen an alle gleich hoch sind.

Ein Abschnitt fragt nach der Vertrautheit mit Begriffen aus der Diskriminierungsforschung, etwa Ableismus oder Intersektionalität. Dieser Teil misst keine Ausbildungsqualität und geht deshalb nicht in die Auswertung ein. Wer diese Begriffe nicht kennt, bildet deswegen nicht schlechter aus. Der Abschnitt ist als Angebot zu verstehen: Er zeigt, welche Konzepte in der fachlichen Debatte über Diskriminierung eine Rolle spielen.

Auch der Bereich zum sozialen Engagement fragt nach privaten Aktivitäten, die mit der betrieblichen Ausbildungspraxis nur mittelbar zu tun haben. Die Antworten dort sagen wenig über die Qualität der Ausbildung aus.

Selbstevaluation: Vielfalt, Partizipation, Fortbildungen

Selbstevaluation für Ausbilder:innen im Betrieb

Eine Standortbestimmung zu Vielfalt, Partizipation, Fortbildung und sozialem Engagement in Ihrer Ausbildungspraxis. Sie schätzen sich selbst ein und schicken sich das Ergebnis anschließend per E-Mail zu – oder senden es an die Berufsbildung der IG Metall.

Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten – die Auswertung ist für Sie selbst gedacht. Einzelne Abschnitte sind als ohne Wertung gekennzeichnet: Sie dienen der eigenen Orientierung und fließen nicht in die Zählung ein. Ihre Angaben bleiben in Ihrem Browser; es wird nichts automatisch gespeichert oder gesendet. Erst wenn Sie unten auf „E-Mail erstellen“ tippen, öffnet sich Ihr Mailprogramm mit dem vorbereiteten Text.
Bereich 1 · 13 Aussagen

Vielfalt

Wie ich mit Vielfalt und dem Erkennen von Diskriminierung im Ausbildungsalltag umgehe – im eigenen Verhalten und in der Methodik.

0 von 13 mit „Ja“ beantwortet

Mein eigenes Verhalten

Ich bin mir meiner Position in der Gesellschaft bewusst (z. B. Privilegien, die ich aufgrund meiner körperlichen Merkmale oder meines sozialen Status genieße).

Ich bin mir meiner Position innerhalb der Schule/des Unternehmens bewusst (z. B. Entscheidungsbefugnis, Bewertung der Leistungen anderer).

Ich bin in der Lage, diskriminierendes Verhalten bei meinen Lernenden zu erkennen.

Ich greife ein, wenn ich diskriminierendes Verhalten mitbekomme.

Ich spreche die Lernenden gleichberechtigt und vorurteilsfrei an und berücksichtige ihre unterschiedlichen Hintergründe (Geschlecht, Behinderung, Migration, sozialer Status usw.).

Ich hinterfrage meine Annahmen und Erwartungen an meine Lernenden in Bezug auf ihre unterschiedlichen Hintergründe (Geschlecht, sozialer Status, Migration usw.)

Wenn ich die Leistungen meiner Lernenden beurteile, sind meine Erwartungen an alle gleich – unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrem sozialen Hintergrund, ihrer Nationalität usw.

Wenn ich spreche, verwende ich eine Sprache, die nicht diskriminierend ist (z.B. geschlechtersensibel).

Methodik

Ich erkläre Sachverhalte auf unterschiedliche Weise, so dass alle Lernenden Anknüpfungspunkte finden.

Wenn ich spreche, vermeide ich eine voreingenommene Sprache und stereotype Beispiele.

Ich bereite schriftliche Aufgaben für meine Lernenden in unvoreingenommener Sprache vor.

Die Bilder oder Illustrationen, die ich verwende, zeigen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen.

In meinen Lernmaterialien werden Menschen nicht in stereotypen Rollen dargestellt.

Bereich 2 · 20 Aussagen

Partizipation

Wie stark ich Auszubildende an Entscheidungen beteilige und ihnen Mitsprache in der Ausbildung ermögliche.

0 von 20 mit „Ja“ beantwortet

Meine eigene Einstellung und Verhalten

Ich bin generell mit Machtstrukturen in Entscheidungsprozessen vertraut.

Es ist mir wichtig, die Bedürfnisse und Wünsche meiner Lernenden zu hören.

Ich berücksichtige die Meinungen und Beiträge von Kolleg:innen und Lernenden, wenn ich Entscheidungen treffe.

Ich bin Mitglied einer Gewerkschaft, einer anderen Interessensvertretung, oder einer Lobbygruppe, die etwas mit meiner Arbeit zu tun hat.

Ich glaube, dass institutionalisierte Beteiligungsgremien etwas bewirken.

Ich bin der Meinung, dass die Entscheidungsgremien diverse Gruppen von Menschen in unserer Institution einbeziehen sollten.

Partizipation ist mehr als die Teilnahme an Wahlen und Mitgliedschaft in institutionalisierten Gremien.

Ich unterstütze persönlich Interessensvertretungen (oder Gewerkschaften) in meiner Einrichtung (z.B. Auszubildenden-/Schülervertretung, Personalräte usw.).

Meine Haltung gegenüber Lernenden

Ich informiere die Lernenden transparent darüber, wie ich eine Entscheidung getroffen habe und warum ich ihnen eine bestimmte Aufgabe zugewiesen habe.

Ich gebe den Lernenden die Möglichkeit, selbstständig an (eigenen) Projekten zu arbeiten.

Ich schaffe für die Lernenden Raum und Zeit, ihre Bedürfnisse und Meinungen zu äußern.

Gemeinsam mit meinen Lernenden entwickle ich Regeln für die Zusammenarbeit.

Ich schaffe für meine Lernenden einen sicheren und anonymen Raum für Feedback.

Ausbildungssituationen

Ich fördere Gruppenarbeit und demokratische Entscheidungsfindung.

Bei der Gruppenarbeit achte ich darauf, dass alle Lernenden abwechselnd verschiedene Rollen und Funktionen übernehmen.

Ich hole Feedback von allen Auszubildenden ein, unabhängig von ihrem Hintergrund.

Ich achte darauf, dass Lernende aus benachteiligten Gruppen als gleichberechtigt angesehen werden.

Ich achte auf Gleichberechtigung bei der Redezeit und Redereihenfolge.

Ich motiviere insbesondere Lernende aus benachteiligten Gruppen dazu, sich zu beteiligen.

Wenn möglich, entscheide ich gemeinsam mit den Lernenden, wie die Arbeit durchgeführt werden soll.

Bereich 3 · 23 Aussagen · 15 davon gewertet

Fortbildungen

Welche Begriffe mir vertraut sind, an welchen Fort- und Weiterbildungen ich teilgenommen habe und wie ich das Gelernte methodisch einsetze.

0 von 15 mit „Ja“ beantwortet

Begriffe ohne Wertung

Dieser Abschnitt dient der eigenen Orientierung und wird nicht mitgezählt. Ein „Nein“ ist kein Defizit – es zeigt nur, wo sich ein genauerer Blick lohnen könnte.

Ich bin mit dem Begriff „Allyship” vertraut.

Ich bin mit dem Begriff „Gender Pay Gap” vertraut.

Ich bin mit dem Begriff „Othering” vertraut.

Ich kenne den Begriff „Ableismus”.

Ich bin mit dem Begriff „Intersektionalität” vertraut.

Ich bin mit dem Begriff „Empowerment” vertraut.

Ich bin mit dem aktuellen Diskurs über demokratische und politische Bildung vertraut.

Ich bin mit den Machtstrukturen in der Gesellschaft vertraut.

Fortbildungen

Ich habe an einer Fortbildung zum Thema Konfliktmanagement oder Mediation teilgenommen.

Ich habe an einer Fortbildung zum Thema soziale Kompetenzen teilgenommen.

Ich habe an einer Fortbildung zum Thema Kommunikationsfähigkeiten teilgenommen (z. B. gewaltfreie Kommunikation).

Ich habe an einer Fortbildung zu Aspekten von Vielfalt (z. B. Antidiskriminierung) teilgenommen.

Ich habe an einem interkulturellen Training teilgenommen.

Ich habe an einer Fortbildung zur politischen Bildung teilgenommen.

Ich habe an einer Fortbildung über Medienkompetenz, Fake News und den Umgang mit Verschwörungstheorien teilgenommen.

Ich habe an einer Fortbildung zur Personalentwicklung teilgenommen.

Methodik

Ich habe an einer Schulung zum Thema „Service Learning” [Lernen durch Engagement] teilgenommen.

Ich weiß, wie man projektorientiertes Lernen durchführt.

Ich kann Simulationen durchführen (z. B. Planspiele).

Ich habe an einer Fortbildung zur Vermittlung von politischer Bildung und Demokratie teilgenommen.

Ich habe an einer Fortbildung zur Vermittlung von Diversität und Antidiskriminierung teilgenommen.

Ich habe an einem Training zum Anti-Bias-Ansatz teilgenommen.

Ich habe an einer Fortbildung zur Vermittlung von Medienkompetenz teilgenommen (wie erkenne ich Fake News, Faktenchecker usw.).

Bereich 4 · 14 Aussagen

Soziales Engagement

Mein eigenes soziales Engagement und wie ich das Engagement meiner Auszubildenden fördere.

0 von 14 mit „Ja“ beantwortet

Meine eigene Einstellung und Verhalten

Soziales Engagement ist mir wichtig.

Ich hätte gerne mehr Zeit für ehrenamtliche Arbeit.

Privat engagiere ich mich ehrenamtlich in einem Verein (Sportverein, Tafel, Nachbarschaftshilfe usw.).

Ich spende gerne für gute Zwecke.

Ich engagiere mich in einem Ehrenamt, das frei und individuell organisiert ist (alten Menschen helfen, Patenschaften usw.).

Ich unterzeichne regelmäßig Petitionen.

Ich nehme regelmäßig an Demonstrationen teil.

Soziales Engagement und Lernende

Ich organisiere selbst soziale Projekte mit meinen Lernenden.

Ich ermutige meine Lernenden, sich gesellschaftlich zu engagieren (z.B. nenne ich Institutionen, gebe ihnen Ratschläge und Ideen usw.).

Ich ermögliche es Lernenden, soziale Projekte in unserer Einrichtung durchzuführen.

Ich ermögliche es den Lernenden, soziale Projekte außerhalb unserer Einrichtung durchzuführen.

Ich glaube, dass man wichtige Kompetenzen erwirbt, wenn man sich gesellschaftlich engagiert.

Ich erkenne das soziale Engagement meiner Lernenden an, indem ich es wertschätze.

Ich setze mich persönlich dafür ein, das Engagement meiner Lernenden zu unterstützen, indem ich Ihnen Zeit und Raum gebe, und die Verpflichtungen, die sie in ihrer Berufsausbildung erfüllen müssen, anpasse.

Wohin soll die Auswertung gehen?
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Was aus dem Ergebnis folgt

Aus einer Selbsteinschätzung allein folgt noch keine bessere Ausbildungspraxis. Der eigentliche Schritt kommt danach: einzelne Punkte herausgreifen, an denen die Antwort unsicher ausfiel, und dort konkret ansetzen. Das kann bedeuten, Feedback bei den Auszubildenden selbst einzuholen, statt über sie zu urteilen. Es kann auch bedeuten, eine Fortbildung zu suchen, die im Betrieb bisher nicht vorgesehen war. Für die IG Metall gehört beides zur Qualität dualer Ausbildung: die fachliche Anleitung und der Umgang miteinander.


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