Gutachter:innen berichten von ihren Erfahrungen Dr. Frank Peter Ritter – lernen von den Möglichmacher:innen

Frank ist seit über zehn Jahren als ehrenamtlicher Gutachter in der Akkreditierung von Studiengängen tätig, wobei sein Fokus auf Chemie, Pharmazie, Wirtschaftsingenieurwesen, Wirtschaftswissenschaften, Betriebswirtschaft und Management liegt.

Ein sharing desk mit Großbildschirm bei Voith in Heidenheim


Der promovierte Chemiker arbeitet als selbständiger Berater und gibt nebenbei Experimentierkurse für Kinder und Jugendliche an der Wuppertaler Junior Uni für das Bergische Land. Zuvor hat er zwanzig Jahre Berufserfahrung beim Chemie- und Pharmakonzern Bayer gesammelt. Der gebürtige Kölner lebt mit seiner Frau in Wuppertal. Seine Freizeit verbringt der 58-Jährige damit, mit dem Motorrad oder E-Bike durch die Dörfer in der Umgebung zu fahren, um sich dort Fachwerkhäuser und alte Kirchen anzusehen. Zum Abschalten liest er gerne Krimis oder Science-Fiction-Bücher.

Mit dem Bologna-Prozess wollten europäische Staaten das Hochschulstudium reformieren, um den Fokus weg vom Wissenserwerb hin zum Kompetenzerwerb zu rücken. Ich hatte über fünfundzwanzig Jahre in Wirtschaftsbetrieben gearbeitet und wollte die Hochschulen in dieser Zeit gerne aus Unternehmensperspektive beraten. Deshalb habe ich den Entschluss gefasst, mich als ehrenamtlicher Gutachter in Akkreditierungsverfahren zu engagieren.

Die fachliche Ausbildung an den deutschen Hochschulen halte ich für sehr gut. Als Berufspraktiker möchte ich mich vor allem für innovative und interaktive Lehr- und Prüfungsformate einsetzen, auch zur Förderung von Softskills.

Im Anschluss an eine Exkursion mit Betriebsbesichtigung zum Beispiel können die Teilnehmer:innen ihre Beobachtungen in Videokonferenzen mit den Praktiker:innen vor Ort nachbearbeiten. Und statt immer nur an Kolloquien teilzunehmen oder Klausuren zu schreiben, können Studierende sich beispielsweise in Podiumsdiskussionen darüber austauschen, wie sich das Rheinwasser chemischen Analysen zufolge in den letzten Jahren verbessert hat.

Die Hochschulen sollten auch das ehrenamtliche Engagement von jungen Menschen unterstützen. Eine Universität, an der ich eine Akkreditierung begleitet habe, pflegt zum Beispiel eine Kooperation mit einer gemeinnützigen Hilfsorganisation, die Lebensmittel an Bedürftige verteilt. Die Studierenden der Wirtschaftswissenschaften können die Tafel ehrenamtlich unterstützen und gleichzeitig relevante Praxiserfahrungen sammeln, indem sie die Betriebsabläufe untersuchen. Dafür bekommen sie so genannte Social Credit Points.

Natürlich ist gerade in der Chemie ein Vor-Ort-Studium wichtig, damit die Studierenden die Chemikalien erfahren und Laborpraxis sammeln. Aber auch hier gibt es Möglichkeiten, mithilfe digitaler Formate mehr Zeit- und Ortsunabhängigkeit zu schaffen. In einer Videovorlesung können Dozierende zum Beispiel zeigen, wie ein Farbumschlag aussieht, der bei der Bestimmung des pH-Werts einer Lösung genutzt wird, oder wie eine Infrarotspektroskopie, ein physikalisches Analyseverfahren, Schwingungen von Molekülen überträgt.

Wert lege ich auch darauf, dass die Ziele der Hochschulleitung tatsächlich in den Fachbereichen, Abteilungen und Instituten umgesetzt werden und dass die Programme „aus einem Guss“ sind. Bevor wir Gutachter:innen mit den Hochschulen ins Gespräch gehen, sehe ich mir dafür einerseits die Modulhandbücher, Studien- und Prüfungsordnungen und andererseits auch die Websites der Hochschulen an. Manchmal stoße ich hier auf Unstimmigkeiten: Die Hochschulleitung strebt etwa eine Digitalisierungsquote von dreißig Prozent an, die Fachbereiche lassen aber nur Präsenzklausuren als Prüfungsleistung zu. Oder ein Studiengang wirbt mit seiner Vielfalt an Exkursionsangeboten, der Studienaufbau erlaubt den Studierenden aber gar nicht, an mehr als einer Studienfahrt teilzunehmen.

Management wird häufig von Menschen studiert, die schon berufstätig sind. Deshalb reagieren viele dieser Studiengänge bereits sehr flexibel auf die Bedürfnisse ihrer Studierenden und die Herausforderungen unserer Zeit. Gerade im Bereich Chemie und Pharmazie sehe ich dagegen noch viele konservative Universitäten. Sie prüfen vor allem das Lehrbuchwissen ab, setzen sich nicht dafür ein, für Studentinnen attraktiv zu sein, und bestehen darauf, dass alle Absolvent:innen promovieren sollten. Ich finde das gerade in Zeiten des Fachkräftemangels überheblich und würde mir mancherorts mehr Möglichmacher:innen wünschen.

Auch die Qualifikationen, die industrielle und gewerbliche Berufsausbildungen vermitteln, schätzen viele Hochschulen zu wenig. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, denn ich habe selbst eine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Chemielaboranten gemacht und mich geärgert, dass man mir im anschließenden Studium dann zum Beispiel erklären wollte, wie man in der Chemie misst und wiegt. Einige Hochschulen werfen bis heute keinen Blick in die Ausbildungsordnungen ihrer Bewerber:innen und Studierenden.

Einige der Themen, die mich zu Beginn meiner Gutachtertätigkeit beschäftigt haben, sind jetzt schon zu einem guten Teil bearbeitet. Zahlreiche Hochschulen haben zum Beispiel Möglichkeiten gefunden, ein Teilzeitstudium zu ermöglichen. Und das Studium ist insgesamt auch deutlich inklusiver geworden. Zu Beginn meiner Gutachtertätigkeit war ich zudem noch viel stärker damit beschäftigt, formale Kriterien abzuprüfen. Hier ist die Qualität inzwischen stark gestiegen. Dass zum Beispiel die Prüfungslast zu hoch ist oder die Dozierenden zu wenig Deputat-Stunden haben, erleben wir jetzt fast gar nicht mehr.

Ich war schon während meiner Lehre in den Achtzigerjahren Gewerkschaftsmitglied. Ich habe dann studiert, als Kind eines Gärtnermeisters und einer Friseurin BAföG bezogen und aufgrund meines sozialen Engagements in Hochschulgremien eine Verlängerung der Förderung erhalten. Meine persönlichen Erfahrungen sind ein Grund dafür, warum ich mich dafür einsetze, dass jeder und jede auf hohem Niveau an einer Hochschule studieren und sich nebenbei ehrenamtlich einbringen kann. Anfang der Neunzigerjahre bin ich dann als Hochschulmitarbeiter in die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) (heute ver.di) eingetreten, wo ich mich vor allem für die Belange von Teilzeitangestellten eingesetzt habe. Mit dem Wechsel in die chemische Industrie bin ich Mitglied der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) geworden, wo ich unter anderem im Betriebsrat für Leitende Angestellte der Bayer AG saß.

Als Gutachter profitiere ich von dem Fachwissen, das ich im Studium erworben habe. Beruflich bin ich im Rechnungswesen tätig, wodurch ich auch Expertise in den Wirtschaftswissenschaften erhalten habe. Durch meine Erfahrungen in Unternehmen habe ich eine Vorstellung davon, was ein Betrieb von einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin heute erwartet. Als Dozent habe ich Kontakt zu jungen Menschen, die Chemie in der Schule als „trockenes Fach“ erlebt haben – und ich weiß, wie ich sie für die Materie gewinnen kann. Ich tausche mich auch mit den Kolleg:innen des Fachbereichs Chemie der Akkreditierungsagentur für Studiengänge der Ingenieurwissenschaften, der Informatik, der Naturwissenschaften und der Mathematik (ASIIN) darüber aus, worauf wir in unseren Akkreditierungen und Gutachten Wert legen (sollten).

Die Agenturen und der Akkreditierungsrat entscheiden selbst, wo sie die Berufspraktiker:innen rekrutieren, die in den Akkreditierungsverfahren mitwirken. Oft kontaktieren sie das Gewerkschaftliche Gutachter:innen-Netzwerk, das ihnen Kontakte zu Mitgliedern mit dem passenden Profil vermittelt. Ihre Wertschätzung für unsere Arbeit zeigen sie auch, indem sie Vertreter:innen zu unseren jährlichen Netzwerktreffen schicken. Mir ist das sehr wichtig. Als Gewerkschafter:innen sind wir nicht nur in Tarifverträgen an Konfliktlösungen interessiert, sondern auch in anderen Bereichen. Wir sind es gewöhnt, zu moderieren, und finden auf Seiten der Politik ein anderes Gehör als die Arbeitgeber. Auch ich selbst bin regelmäßig bei den jährlichen Netzwerktreffen dabei, um mich mit den anderen Mitgliedern zum Beispiel darüber auszutauschen, wie wir unsere Arbeit als Gutachter:innen in den Akkreditierungsverfahren noch besser machen können.

Zwei Männer im Gespräch sitzen an einem Tisch

Sechs Gutachter:innen im Porträt

Sie haben Berufsausbildungen und Studiengänge in den unterschiedlichsten Fächern absolviert – von Informatik und Elektrotechnik über Maschinenbau und Chemie bis hin zu Betriebswirtschaft und Politikwissenschaft – und Berufserfahrungen in Wirtschaft und Wissenschaft gesammelt. Hier berichten Sie von Ihren ehrenamtlichen Erfahrungen.
GNW-Mitglieder im Porträt
GNW-Logo
Das Gewerkschaftliche Gutachter:innen Netzwerk gewinnt und unterstützt ehrenamtliche Kolleg:innen. Es bietet Qualifizierungen, Austausch und Materialien zur Akkreditierung und vermittelt Gutachter:innen in Verfahren. Zugleich stärkt das Netzwerk den gewerkschaftlichen Einfluss auf die Qualität von Studium und Lehre. Gegründet wurde es 2003.
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Studentischer Akkreditierungspool

Studentische Akkreditierungspool

Der Studentische Akkreditierungspool ist die bundesweite Interessenvertretung von Studierenden im Akkreditierungswesen. Er entsendet Studierende in Verfahren und Gremien und bietet Qualifizierungen sowie Vernetzung an. Die Legitimation erfolgt über überregionale Studierendenvertretungen und basiert auf den demokratischen Strukturen der studentischen Selbstverwaltung.
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Mitglieder des Akkreditierungsrats

Stiftung Akkreditierungsrat

Der Akkreditierungsrat ist eine gemeinsame Einrichtung der Länder zur Sicherung der Qualität von Studium und Lehre an deutschen Hochschulen. Er entscheidet über die Akkreditierung von Studiengängen, Qualitätssystemen und alternativen Verfahren. In Zusammenarbeit mit Hochschulen, Studierenden, Berufspraxis und Ländern fördert er die nationale und internationale Weiterentwicklung der Qualitätssicherung.
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Lächelnde Frau in einer Teambesprechung

Als Gutachter:in Studiengänge mitgestalten

Als ehrenamtliche:r Gutachter:in bringst Du Deine Berufserfahrung in die Bewertung von Studiengängen ein. Du wirkst an guter akademischer Ausbildung mit und gewinnst Einblicke, die auch für Deine eigene Arbeit wertvoll sind.

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