Jan Hauer möchte, dass junge Frauen und Männer sich im Studium nicht nur mit Fachinhalten beschäftigen, sondern auch andere Kompetenzen weiterentwickeln, die sie im Leben voranbringen. „Wir brauchen selbstbewusste und kritisch denkende Menschen, die ihr Wissen eigenständig erweitern können“, sagt der 37-Jährige. Dabei spricht er aus Erfahrung. Denn er hat selbst Informatik studiert, arbeitet nun als IT-Consultant in einer Beratungsfirma und ist hier als Teamleiter unter anderem für die Einstellung neuer Mitarbeiter:innen zuständig. Damit sie als Bewerber:innen beim potentiellen Arbeitgeber nicht als „Fachidioten“ aussortiert werden, sollten junge Menschen im Studium eine umfassende Bildung erfahren, findet Jan Hauer. Dafür engagiert er sich persönlich.
Jan Hauer engagiert sich als Gewerkschafter und Wirtschaftsvertreter in Gutachterteams in Akkreditierungsverfahren, wobei sein Fokus auf Informatikstudiengängen und MBAs liegt. Dabei versucht er, das Bewusstsein aller Beteiligten für die Aspekte zu schärfen, die ihm besonders am Herzen liegen: „Eine Physikerin sollte sich dezidierter über Atomenergie äußern können als ein Germanist. Und eine Informatikerin muss mehr über informationelle Selbstbestimmung wissen als eine Person, die das Fach nicht studiert hat.“
Jan Hauer will keinen Informatik-Studiengang stoppen, weil er sich zu wenig mit Ethik beschäftigt. „Wichtig ist, sich als Gutachter:in für das jeweilige System zu öffnen und zu prüfen, ob es mit seinen Lösungen seine Ziele erreicht. Denn es ist nicht unsere Aufgabe, den Hochschulen etwas aufzustülpen, das wir bereits kennen“, erklärt er. Aber er will seine Rolle als Berufsvertreter und den Auslegungsspielraum, den der Staatsvertrag bietet, nutzen, um den Fokus auf aus seiner Sicht wichtige Aspekte zu richten. „Wenn niemand unter den Gutachter:innen und an der Hochschule so richtig weiß, was man sich unter der ‚Befähigung zum zivilgesellschaftlichen Engagement‘ vorstellen soll, kann dieses Kriterium leicht hinten runterfallen“, sagt er. „Und wenn alle der Meinung sind, mit einem Girls Day habe man in der Informatik genug für die Geschlechtergerechtigkeit getan, kann man auch mal nachfragen: Wie lässt sich eigentlich eine Umgebung schaffen, in der Studentinnen promovieren und eine Chance auf eine Professur bekommen?“
Mit Blick auf die Informatik hält der Gutachter beispielsweise Fragen der Daten- und Informationssicherheit für wichtig. Eine Vorlesung dazu dürfe sich nicht aufs rein Technische beschränken, betont er: „Ich muss mich auch fragen, welchen gesellschaftlichen Impact die Informatik insgesamt hat – also etwa auf die Persönlichkeitsrechte von Menschen in Staaten, in denen nicht jede:r frei reden kann, oder auch auf die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben, die mit den Programmen arbeiten. Die Studierenden sollten sich darüber bewusst sein, dass ihr Handeln ethische Konsequenzen hat.“ Beispiel Klimaschutz: „Unterschiedliche Programmiersprachen nehmen eine unterschiedliche Anzahl an Prozessorzyklen in Anspruch, und sorgen somit für einen unterschiedlich hohen Stromverbrauch. In einer Vorlesung zu Programmiersprachen sollte es deshalb zumindest einen Block zum Thema Ressourcenschonung geben.“ Weitere zentrale Themen sind aus der Sicht des Gutachters zum Beispiel der Krieg in der Ukraine und der Schutz von Whistleblowern.
Jan Hauer knüpft als Gutachter an seine beruflichen Erfahrungen an. Denn in seiner Arbeit als IT-Consultant legt er auch einen Fokus auf ethische Standards: „Ich will nicht unbedingt etwas verkaufen, wenn es für den Kunden nicht sinnvoll ist oder wenn ich es ethisch nicht vertreten kann. Wenn ich zum Beispiel über den Einsatz von KI spreche, habe ich immer auch die personenbezogenen Daten im Blick und nicht nur den Umsatz“, sagt er.
Als gewerkschaftlicher Gutachter war Jan Hauer in den vergangenen vierzehn Jahren an der Akkreditierung von circa zwanzig Studienprogrammen und zwei Systemen beteiligt. Besonders eindrucksvoll war für ihn die Akkreditierung der Hochschule Bremen, die komplett ohne Auflagen und Empfehlungen auskam. „Wir bekamen einen perfekt vorbereiteten Selbstbericht vorgelegt – und die Studierenden konnten im Gespräch mit uns zu allen genannten Aspekten überzeugende Beispiele nennen“, erinnert er sich. Was den Gutachter daran besonders freute: Die Hochschule hatte sich nach der vorherigen weniger erfolgreichen Akkreditierung die Zeit genommen, um an sich zu arbeiten.
Jan Hauer begann seine Gutachtertätigkeit schon als Student. Über den studentischen Akkreditierungspool, einem Gutachter:innen-Netzwerk für Studierende, bekam er die Möglichkeit, an Weiterbildungen teilzunehmen. In einem Grundlagenseminar lernte er, was man unter Programmakkreditierung versteht, wie sie funktioniert, worauf studentische Vertreter:innen achten sollten und welche Kriterien sie argumentativ nutzen können, um bestimmte Missstände darzulegen. Auch an einem Seminar zur Systemakkreditierung nahm er teil. Schließlich hatte er die Möglichkeit, bei einem Treffen in Göteborg gemeinsam mit Kolleg:innen aus ganz Europa an den „European standards and guidelines for quality assurance in higher education“ mitzuwirken. „Da habe ich Leute aus Kroatien, Schweden und Frankreich kennengelernt, die ganz unterschiedliche Erwartungshaltungen an das Hochschulsystem mitbrachten“, erzählt er.
Als Mitglied des Akkreditierungsrats hat Jan Hauer später selbst bei der Weiterentwicklung der Regeln mitdiskutiert, die er heute als Gutachter anwendet. Hier ist er auch mit der IG Metall erstmals in Kontakt gekommen, die ebenfalls einen Sitz im Rat belegt. Für dieses Ehrenamt musste er so viel Zeit aufbringen, dass er kaum noch zum Studieren kam. „Als Student hatte ich hier immer das Gefühl, mit ungleichen Waffen zu kämpfen. Ich musste gemeinsam mit einem weiteren Studenten alles alleine machen, während die anderen Teammitglieder auf Mitarbeiter:innen zurückgreifen konnten, die ihnen beim Durcharbeiten der Unterlagen und beim Vorbereiten der Argumentation halfen“, erzählt er. Dennoch sei es ihm und seinem Kollegen immer wieder gelungen, Veränderungen gegen den Willen der Professor:innen anzustoßen – auch in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und den Arbeitgebern.
Auch das gewerkschaftliche Gutachter:innen-Netzwerk lernte Jan Hauer schon als Student kennen. Er nutzte die dort erstellten Informationsmaterialien, nahm auch an einem Arbeitstreffen teil – und war beeindruckt von dem fundierten Wissen der ehrenamtlichen Kolleg:innen. Zukünftig wünscht er sich eine noch engere Zusammenarbeit zwischen den Berufsvertreter:innen auf der einen Seite und den studentischen Gutachter:innen auf der anderen Seite: „Wir können Studierende auch dafür begeistern, nach ihrem Abschluss weiterhin als Gutachter:in aktiv zu sein. Das ist ein wunderschöner Hebel, um Demokratieverständnis an die Universitäten zu tragen – und auch den Gedanken, dass Betriebsräte zur Nachhaltigkeit von Unternehmen beitragen können.“
Jan Hauer engagiert sich seit fünfzehn Jahren als Gutachter in der Akkreditierung, vor allem von Informatik- und MBA-Studiengängen. Als er mit seiner Gutachtertätigkeit begann, war er selbst noch Student. Von März 2015 bis Dezember 2017 war er als studentischer Ehrenamtler im Akkreditierungsrat tätig. Darüber kam er auch in Kontakt zur IG Metall, bei der er bis heute Mitglied ist. Von November 2020 bis Januar 2021 saß er im Vorstand der Akkreditierungsagentur für Studiengänge der Ingenieurwissenschaften, Informatik, Naturwissenschaften und Mathematik (ASIIN). Seit April 2017 arbeitet der Informatiker in einer IT-Beratung, seit zwei Jahren als Teamleiter. Seine Freizeit verbringt der 37-Jährige gerne in der Natur, zum Beispiel beim Wandern oder Klettern.