Manchmal entdeckt Kira Stein bei der Prüfung von Studiengängen gravierende Fehler in den Curricula, auf die sie dann das Gutachterteam hinweist. „Wenn zum Beispiel die Konstruktionstechnik vor der Werkstoffkunde vermittelt werden soll, hake ich ein – so etwas muss geändert werden“, erklärt die Maschinenbauerin. In der Regel allerdings überlässt sie als Vertreterin der Berufspraxis fachliche Themen den Lehrenden – und achtet in den Akkreditierungsverfahren stattdessen zum Beispiel darauf, ob die Studierenden für den Beruf fit gemacht werden, Möglichkeiten zum ehrenamtlichen Engagement bekommen und sich auch persönlich weiterentwickeln können.
Wenn es Absolvent:innen-Befragungen gibt, schaut Kira Stein sich diese genau an. Im Gespräch mit Hochschullehrenden fragt sie gerne nach, wie sie ihr technisches Thema in den gesellschaftlichen Kontext stellen – und stößt dann auf eine riesige Bandbreite an unterschiedlichen Reaktionen. „Einige Professor:innen erzählen sofort, was sie heute in der Zeitung gelesen und wie sie das in ihre Vorlesung eingebunden haben. Andere fragen erst einmal nach, was Technik denn bitte mit Gesellschaft zu tun haben soll“, erzählt sie. Darüber hinaus interessiert die Ingenieurin bei ihren Begutachtungen von Studiengängen auch, was die Hochschulen dafür tun, Frauen für die Technik zu gewinnen und im Maschinenbau zu halten. Auch hier seien die ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge ganz unterschiedlich aufgestellt, berichtet sie: „Einige Vertreter:innen von Studiengängen lassen von der Gleichstellungsbeauftragten zu diesem Thema nur schnell irgendetwas aufschreiben, weil es im Gutachten ja ein paar Punkte dazu geben muss. Andere machen schon in der Außendarstellung ihres Programmes klar, warum der Maschinenbau auch für Frauen interessante berufliche Perspektiven bietet.“
Kira Stein hat selbst von 1971 bis 1977 Maschinenbau studiert – und als erste Frau an der TU Darmstadt in diesem Fach promoviert. Sie hat als Ingenieurin, Leiterin Entwicklung und Produktmanagement sowie als Qualitätsmanagerin in Wirtschaft und Wissenschaft gearbeitet, auch als Gründerin und Beraterin. Schon in den 90er Jahren engagierte sie sich in einem gewerkschaftlichen Netzwerk für innovative Studiengänge in den Ingenieurwissenschaften. Als Forscherin arbeitete sie über Jahrzehnte zum Themenbereich „Frauen in Naturwissenschaften und Technik“ und stellte auch interkulturelle Vergleiche an. In Buch- und Tagungsbeiträgen, Interviews und Podiumsdiskussionen befasste sie sich unter anderem mit Benachteiligungen von und Fördermöglichkeiten für Frauen im MINT-Bereich. Seit 1977 engagiert sich die Hessin in Vereinen und Gremien für Frauen in technischen Berufen. 2009 wurde die Pionierin für diesen Einsatz mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sie war auch bei der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) (heute ver.di) und in der Frauengruppe des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) aktiv, später hielt sie unter anderem für die IG Metall Qualitätsmanagement-Seminare.
Auch als Rentnerin setzt sich Kira Stein noch mit Herzblut dafür ein, dass die Wissenschaft auf der Höhe der Zeit ist. Sie begeistert sich beispielsweise für Studiengänge, die Projektarbeiten durchführen, Studierenden etwa in Rollenspielen den Austausch zwischen Maschinenbauer:in, Elektrotechniker:in, Fertigungsleiter:in und Vertriebler:in reflektieren lassen und sich auch mal Alternativen zu schriftlichen Prüfungen überlegen. In bilingualen Studiengängen sieht die Expertin ebenfalls großes Potential: „In vielen kleinen und mittelständische Unternehmen wird nicht Englisch gesprochen, während die gefragten Fachkräfte aus dem Ausland oft nur auf Englisch studieren und somit nicht die nötigen Deutschkenntnisse mitbringen. Beide Sprachen sind in der Industrie also wichtig“.
Schockiert ist die Expertin darüber, dass einige Studiengänge sich seit ihrer eigenen Studienzeit offenbar kaum weiterentwickelt haben. In ihrem langjährigen gewerkschaftlichen und politischen Engagement hat sie aber die Erfahrung gesammelt, dass es mit Hartnäckigkeit und Geduld möglich ist, verkrustete Strukturen aufzubrechen und Veränderungen anzustoßen. Deshalb ist sie überzeugt vom Einsatz der Gewerkschafter:innen in Akkreditierungsverfahren. „Niemand wird veraltete Systeme von heute auf morgen in innovative Programme verwandeln“, betont sie. „Aber wenn die Gutachter:innen Fragen stellen und auf Schwachstellen hinweisen, bieten sie den kritischen Kolleg:innen in den Teams eine Bühne, um ihre fortschrittlicheren Ideen darzustellen. Und das ist ein Schritt in die richtige Richtung“.
Kira Stein engagiert sich seit Jahrzehnten in den Gewerkschaften, unter anderem zur Stärkung von Frauen im MINT-Bereich. Seit rund zwanzig Jahren begutachtet sie ingenieurwissenschaftliche Studiengänge in der Akkreditierung. Aktiv war sie zudem im Vorstand des Deutschen Ingenieurinnenbunds (dib), im geschäftsführenden Vorstand des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit, wo sie seit 2016 Ehrenmitglied ist, und als dib-Vertreterin im Vorstand des Deutschen Frauenrats. Darüber hinaus war sie Gründungsmitglied des Vereins Frauen in Naturwissenschaften und Technik (NUT) und Vorsitzende des Vereins Frauen in der Technik (FiT). Die Maschinenbauerin und Qualitätsmanagerin war in mittelständischen Unternehmen und als Lehrbeauftragte an Hochschulen tätig. Im Jahr 2000 machte sie sich selbständig, auch heute im Alter von 72 Jahren arbeitet sie noch für einen Kunden.