Die 55-Jährige hat bis Ende 2023 noch an ihrer Abschlussarbeit im so genannten MABO-Studiengang („Arbeit – Beratung – Organisation. Prozesse partizipativ gestalten“) an der Universität Bremen geschrieben. Die ausgebildete Bürokauffrau bringt auch Erfahrungen aus dem HR-Bereich und ein Studium generale an der Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt (AdA) (heute Europäische Akademie für Arbeit) mit. Sie engagiert sich nicht nur in der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE), sondern unter anderem auch als ehrenamtliche Richterin am Landesarbeitsgericht und im Elternbeirat der Schule ihrer Kinder. Die Hessin lebt gemeinsam mit ihrem Mann, ihren Söhnen (20 und 17) und ihrer Tochter (14) in Weiterstadt bei Darmstadt. Ihre Freizeit verbringt Sandra Monja Scherer gerne damit, im Garten Unkraut zu zupfen.
Warum hast du dich entschieden, dich als Gutachterin in Akkreditierungsverfahren zu engagieren?
Ich absolvierte gerade neben meiner Vollzeittätigkeit ein Masterstudium, als die IGBCE Gutachterinnen und Gutachter suchte. Ich fand das so spannend, dass ich in einem Leichtsinn sofort mein Interesse anmeldete. Inzwischen habe ich an der Erstakkreditierung eines Masters of Business Administration (MBA) teilgenommen, der passend zu meiner eigenen Erfahrung berufsbegleitend angeboten wird.
Wie lief deine erste Akkreditierung ab?
Zunächst bekam ich von der Universität Vorabinformationen per E-Mail. Bei einem virtuellen Vortreffen lernte ich dann die anderen Gutachter:innen kennen: Zwei Professor:innen, einen Berufspraxisvertreter und die Studierendenvertretung. Auch eine Mitarbeiterin der Universität nahm an der Veranstaltung teil. Sie war schon häufiger an Akkreditierungsverfahren beteiligt gewesen und unterstützte das Gutachterteam entsprechend professionell. Wir erarbeiteten gemeinsam unsere Fragen, um dann anschließend in den Unterlagen und auf der Website nach den Antworten zu suchen. Bei vier weiteren virtuellen Meetings fügten wir die Informationen, die jede und jeder von uns gesammelt hatte, zusammen. Wir gingen in den Dialog mit der Leitung des zu begutachtenden Studiengangs und den Professor:innen der Universität, die ihn anbietet. Wir verfassten dann Textentwürfe für unseren Bericht und tauschten uns anschließend so lange darüber aus, bis schließlich alle mit jeder Empfehlung, jeder Auflage und jeder Formulierung einverstanden waren.
Was waren das zum Beispiel für Fragen, die du an den Studiengang gestellt hast?
Da der Studiengang neu war, konnten noch keine Studierenden von ihren Erfahrungen berichten. Besonders spannend für mich war es deshalb in diesem Prozess, den Blick der potentiellen Studierenden einzunehmen, um die Studierbarkeit einzuschätzen. Ich legte den Fokus auf Fragen, die auch mich selbst als berufstätige Masterstudentin betroffen hatten: Sind die Anforderungen aus der Prüfungsordnung in einem berufsbegleitenden Studiengang erfüllbar? Gilt das auch für Studierende, die einen längeren Anfahrtsweg zum Studienort zurücklegen müssen? Falls es eine Präsenzpflicht gibt: Wie überzeugend wird sie begründet? Konkret diskutierten wir zum Beispiel darüber, wie viel Zeit die Studierenden für ihre Masterarbeit bekommen sollten, damit sie einerseits ohne Druck arbeiten können und andererseits nicht dazu verleitet werden, sich zu verzetteln. Aber wichtig fand ich auch, dass die verschiedenen Module und Themenblöcke der unterschiedlichen Professor:innen gut aufeinander abgestimmt sind: Sind die Inhalte miteinander verzahnt? Bauen sie logisch aufeinander auf? Oder stecken die Dozent:innen etwa in einem Silodenken fest? Darüber hinaus achtete ich darauf, ob Studierende mit Handicap den Studiengang absolvieren können. Wenn wir mit Teilnehmer:innen hätten sprechen können, hätte mich zum Beispiel auch interessiert, welches Sprachniveau in Deutsch und Englisch vorausgesetzt wird, wie gut die Professor:innen bei Rückfragen erreichbar sind und welche Probleme im Studienalltag auftreten.
Wie konntest du einschätzen, ob der Studiengang an die Bedürfnisse von Studierenden mit besonderen Bedürfnissen angepasst ist?
Als Akteurin der betrieblichen Mitbestimmung muss ich tagtäglich auf Vielfalt achten. Dadurch denke ich viele Aspekte inzwischen fast automatisch mit: Barrierefreiheit vor Ort und im Internet zum Beispiel. Oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, auch mit Blick auf Alleinerziehende. Ich habe versucht, diese Erfahrungen auf die Begutachtung des Studienganges zu transformieren, und zum Beispiel geprüft, ob die Studierenden auch virtuell an den Vorlesungen teilnehmen können, ob ein Auslandsaufenthalt zwingend durchgeführt werden muss oder ob die benutzten Tools und Plattformen auch für Studierende mit Seheinschränkungen nutzbar sind.
Wie hast du dich auf deine erste Akkreditierung vorbereitet?
Wir hatten innerhalb der IGBCE mehrere Vorbesprechungen im Rahmen des Gutachter:innen-Netzwerks. Dort tauschten wir uns darüber aus, wie so ein Verfahren abläuft und worauf wir als Gutachter:innen achten sollten. Bevor die erste Begutachtung anstand, habe ich mich dann noch mit erfahrenen Kolleg:innen virtuell vorbesprochen.
Du sagst rückblickend, dass es leichtsinnig von dir war, dich für die Gutachtertätigkeit zu melden. Warum?
(lacht) Ich bin in Vollzeit berufstätig, habe drei Kinder und engagiere mich ehrenamtlich an unterschiedlichen Stellen. Als dann die Abgabefrist für den Akkreditierungsbericht kurz vor Weihnachten anstand, fühlte ich mich ziemlich unter Druck, zumal ich mir bei meiner ersten Begutachtung natürlich besonders viel Zeit für eine intensive Vorbereitung nehmen wollte. Eines der virtuellen Treffen fand ganztägig statt, so dass ich mir dafür Urlaub nahm. Die anderen Besprechungen sowie für die Vor- und Nachbereitungen schob ich nach Feierabend oder am Wochenende ein, in Absprache mit meiner Familie. Wenn ich die 500 Euro Aufwandsentschädigung auf die investierten Stunden herunterrechne, bleibt nicht viel übrig. Dennoch habe ich die Entscheidung für das ehrenamtliche Engagement nicht bereut, zumal die Vergütung der Tätigkeit ohnehin nicht der Treiber dafür gewesen war. Im Gegenteil – ich habe mich inzwischen schon auf eine Anfrage für eine weitere Begutachtung gemeldet, wo ich aber nicht zum Zug kam.
Warum möchtest du dich weiterhin als Gutachterin in Akkreditierungsverfahren einbringen?
Als Gutachterin bekomme ich einen anderen Einblick in Studiengänge und Universitäten. Hier nehme ich einen größeren Blickwinkel ein, als wenn ich zum Beispiel fokussiert nach einem Programm suche, das mich persönlich weiterbringt. Ich habe Spaß an administrativen Dingen. Und durch die Tätigkeit kann ich dazu beitragen, dass die Studierenden in dem Programm erfolgreich sind. Außerdem habe ich die Hoffnung, dass ich mich in zukünftigen Akkreditierungen auch mit gewerkschaftlichen Inhalten auseinandersetzen kann, die mir am Herzen liegen. Wie werden die Arbeitnehmerrechte aufgezeigt? Wie wird zum Beispiel Mitbestimmung vermittelt?
Wie kamst du überhaupt dazu, dich gewerkschaftlich zu engagieren?
Schon mein Vater war Gewerkschaftsmitglied, dadurch gab es immer eine gewisse Grundprägung in diese Richtung. Nach meiner Ausbildung dann hatte ich eine Abteilungsleiterin, die sich im Betriebsrat engagierte. Ich kam in Kontakt mit dem Betriebsratsvorsitzenden, der mich motivierte, mich bei der Wahl aufstellen zu lassen. So wurde ich schon mit Anfang 20 Betriebsrätin und dann auch stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. Anschließend wurde ich unter anderem zur Vorsitzenden des örtlichen Frauenausschusses gewählt. Später war ich im Personalbereich auf Arbeitgeberseite tätig. Schon in dieser Zeit konnte ich übrigens eine Stärke ausspielen, von der ich auch in meiner aktuellen beruflichen Position, in meinen verschiedenen Ehrenämtern wie auch als Gutachterin profitiere: Ich kann die Interessen der unterschiedlichen Beteiligten abfragen und gemeinsam mit ihnen Lösungsideen entwickeln. Wie muss zum Beispiel ein Studiengang gestaltet sein, damit er für die Studierenden und die Universität ein Gewinn ist?
Welche Wünsche hast du für das gewerkschaftliche Gutachter:innen-Netzwerk?
Das Netzwerk würde von mehr jüngeren Mitgliedern profitieren. Sie haben einen anderen Blick auf die Dinge. Und sie haben auch noch mehr Zeit, in diese Erfahrungen hereinzuwachsen, um sich langfristig zu engagieren. Außerdem würde ich mir wünschen, dass sich mehr junge Frauen an solch ein Ehrenamt herantrauen.