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DDM_02-20

DENK-doch-MAL | Ausgabe 02-20

Mehr Werte statt Mehrwert in der Bildung!

16.06.2020 Ι Der Anspruch dieser Ausgabe ist es Akzente zu setzen, Akzente in einer komplexen und notwendigen Debatte. Nicht mehr und nicht weniger. Wir möchten explizit nicht von Werteerziehung sprechen, sondern von einer Werteorientierung in Bildung.

Wir knüpfen damit an einen Diskurs an, der sich kritisch mit Werteerziehung auseinandersetzt. Bezugnehmend auf Oskar Negt, bildet die Auseinandersetzung mit den demokratischen Werten der bürgerlichen Gesellschaft einen nicht unwichtigen Teil einer emanzipativen politischen Bildung. Es geht um Menschenwürde, Demokratie und soziale Gerechtigkeit.

 

Die Fragen von DDM sind dabei:

  • Welche Rolle spielt Bildung bei der Vermittlung eines demokratischen Wertefundaments? 
  • Welche Kontroversen ranken um dieses Thema?
  • Welche gesellschaftlichen Entwicklungen behindern die Möglichkeit von Bildung für eine demokratische Gesellschaft?
  • Wie stellt sich die Praxis in ausgewählten Feldern der schulischen, gewerkschaftlichen und beruflichen Bildung dar?

 

von Bernd Overwien: Ein Kompass für einen komplexen Bildungsauftrag der politischen Bildung.

 

Bernd Overwien schafft in seinem Beitrag zunächst eine begriffliche Ordnung in einem Feld, das durch politische Bildung, Demokratiebildung und Demokratiepädagogik bestimmt wird. An einer Definition der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung anknüpfend geht es in der Politischen Bildung und in der Demokratiebildung "als Teil gesellschaftlicher Allgemeinbildung um wichtige politische, soziale, wirtschaftliche und auch kulturelle Zusammenhänge." Fragen eines "ethisch-moralischen Urteils" haben hier genauso ihren Platz, wie es auch um "Fähigkeiten des politischen Handelns geht." Basierend auf der "europäischen Aufklärung" ist die Erlangung von Mündigkeit das zentrale Ziel der politischen Bildung. In kritischer Perspektive, d.h. im Bewusstsein einer Gesellschaft, die von sozialen Widersprüchen bestimmt ist, werde mit Hinweis auf Adorno "das Individuum sich vollständig erst in einer gerechten, menschlichen Gesellschaft finden".

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  • von Tim Engartner: Warum es eine sozialwissenschaftliche Kontextualisierung der Domäne "Wirtschaft" braucht.

     

    Tim Engartner greift einen zentralen Aspekt der Auseinandersetzung um ökonomische Bildung in Schulen auf. Einerseits wird der Mangel an politischer Bildung in Schulen immer offensichtlicher. Mit Verweis auf die Untersuchung von Gökbudak/Hedtke[1] lässt sich zeigen, dass z.B. in den Gymnasien in NRW der Anteil politischer Bildung nur noch zwischen 17 und 20 Minuten wöchentlich beträgt. Andererseits "verlieren sich die an der neoklassischen Standardökonomie orientierten Wirtschaftsdidaktiker/-innen in Verweisen auf die unzureichende ökonomische Bildung hiesiger Schüler/-innen, um daraus die Forderung nach einem Unterrichtsfach "Wirtschaft" abzuleiten." Die Auseinandersetzung um das Fach Wirtschaft trägt (bittere) Früchte.

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  • von Sigrid Hartong: Über schrumpfende Spielräume für demokratisches (Ver-)Handeln und warum die EdTech-Industrie nicht das einzige Problem ist.

     

    Sigrid Hartong befasst sich mit den Konsequenzen der Algorithmisierung von Bildung. Dies scheint in einer Phase des Diskurses, die Corona bedingt durch das Hohe Lied auf E-Learning bestimmt ist, von zentraler Bedeutung. Dabei geht es ihr nicht nur um die Folgen der ökonomischen Macht der großen EdTech-Konzerne (EdTect steht für Education Technology) oder um die Auseinandersetzung um die mit umfassenden Mitteln der Bundesregierung vom umstrittenen Hasso-Plattner-Institut umgesetzte und bundesweit standardisierte Schulcloud. "Das viel gravierendere Problem" - so Sigrid Hartong - "liegt in der hochpolitischen Grundlogik der Digitalisierung selbst, konkreter in der damit zusammenhängenden Datafizierung und Algorithmisierung von Bildung." Denn - so ihre Argumentation - mit wachsender Datenverknüpfung wird die Heterogenität von Modellen und damit der (möglichen) Vielfalt von gesellschaftlichen Bildern und Urteilen "sukzessive reduziert".

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  • von Tom Kehrbaum:

     

    Tom Kehrbaum führt in seinem Beitrag in das Leben und das Werk John Deweys ein. Selten bilden pädagogische, wissenschaftliche und politische Biografie eine so große Einheit wie bei Dewey. Die Aktualität ergibt sich aus der Überzeugung und pädagogischen Praxis Deweys, dass die unmittelbaren Erfahrungen und Probleme der Menschen Gegenstand pädagogischer und politischer Prozesse werden müssten. Es ist ein Konzept der unmittelbaren Beteiligung der Menschen. Dewey sieht Demokratie als Lebensform, die "im realen Leben gründet und erfahrbar ist" (Tom Kehrbaum) und deshalb auch in Bezug auf die antidemokratischen Tendenzen in dieser Gesellschaft von zentraler Bedeutung sein kann. Werte entstehen aus der Reflexion von Praxis und sind zugleich die moralische Richtschnur dieser Praxis.

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  • von Chaja Boebel:

     

    Chaja Boebel berichtet aus ihrer Praxis in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. Werte wie Solidarität und Demokratie sind in der Gewerkschaftsarbeit zentrale Orientierungen; sie sind das ethische, historische und emotionale Energiezentrum praktischer Interessenvertretung. Man kann verallgemeinernd sagen, dass die gewerkschaftlichen Werte in ihrer historischen Dimension Ausdruck zentraler Erfahrungen aus sozialen Auseinandersetzungen in Betrieb und Gesellschaft sind. Die schmerzlichen Erfahrungen mit dem Faschismus prägen bis heute. Werte und ihre Gegenwartsbedeutung sind aber nicht statisch, sondern gleichsam auch Gegenstand des jeweiligen Gegenwartsdiskurses. Die vom Gewerkschaftstag beschlossene Satzung ist z.B. Ausdruck eines solchen im innergewerkschaftlichen, demokratischen Prozess entstandenen Wertefundaments, in der das Bekenntnis zur Demokratie mit dem Willen zur Verteidigung dieser Demokratie verbunden ist.

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  • von Dr. Guido Rißmann-Ottow: Demokratielernen im Planspiel in der Ausbildung von Fachangestellten der Bundesagentur für Arbeit

     

    Guido Rißmann-Ottow führt uns in ein Planspiel ein, das in der Ausbildung von Fachangestellten der Bundesagentur für Arbeit (BA) eine zentrale Stelle innehat und als ein interessantes Beispiel für eine Praxis von Demokratiebildung in der beruflichen Bildung gelten kann. Ein sozialer Konflikt, in diesem Fall die öffentliche, durchaus von Vorurteilen und unterschiedlichen Positionen bestimmte Diskussion über die Existenz eines Wohnwagens mitten in der Stadt, in der eine durch Arbeitslosigkeit verarmte Familie wohnt, ist der Ausgangs- und Drehpunkt des Spiels. Als künftige Fachangestellte der Bundesagentur für Arbeit sollen sich die Lernenden in den jeweiligen Rollen der im Spiel vorgesehenen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Gruppen mit dem Fall auseinandersetzen, zu seiner Lösung beitragen und ihn auch mit ihrer künftigen Berufsrolle und dem Selbstverständnis der BA verbinden.

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