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Tagung von Medico International

Resilienz - ein neuer Schlüsselbegriff in einer marktkonformen Pädagogik?

26.08.2015 Ι Ursprünglich kommt der Begriff der Resilienz aus der Physik. Er beschreibt die Fähigkeit eines Werkstoffes, auf von außen an ihn gerichtete Störungen so zu reagieren, dass er keinen Schaden nimmt. In der Pädagogik und Psychologie beschreibt er die Widerstandskraft von Menschen in sozialen und ökonomischen Beziehungen. Zunehmend wird der Begriff im Zusammenhang mit neoliberalen Weltbildern gebraucht.

Medico International hat am 05. und 06. Juni in Frankfurt eine erste interdisziplinäre Tagung zu dem Thema gemacht. Unter der Überschrift "Fit für die Katastrophe" sind die Beiträge auf der Homepage von Medico International dokumentiert.

 

Resilienz wird der neue "Zauberbegriff" in Pädagogik, Psychologie und Gesellschaftspolitik. Der Zukunftsforscher Matthias Horx kommt zu der Feststellung, dass "Resilienz (...) den schönen Begriff der Nachhaltigkeit ablösen (wird)".

 

Der Markt als Regulierungsprinzip von Ökonomie und zunehmend auch von Gesellschaft wird dabei nicht mehr in Frage gestellt. Als "marktkonforme Demokratie" dringt er in den Bereich des Politischen. Menschen stehen in diesen Rahmenbedingungen zu einander im Wettbewerb. Sie agieren als "Homo oeconomicus" zu ihrem eigenen individuellen Vorteil. Solidarität ist diesem Denken und Handeln fremd oder wird nur des eigenen Vorteils wegen gelebt. Nicht der Widerstand gegen Verhältnisse, welche Ungleichheit und Armut produzieren, und ihre Gestaltung, sondern die Anpassung an diese Verhältnisse stehen auf der Tagesordnung. Da aber diese Verhältnisse ohne jede weitere soziale Sicherheit jeden Einzelnen treffen können, muss er/sie ein "Stehaufmännchen" werden. Er/sie benötigt Nehmerqualitäten, nicht um schlechte Verhältnisse auszuhalten und zu diese verändern, sondern um das gleichsam Schicksalhafte ertragen zu lernen, um mit noch mehr Kraft den Wettbewerb und Überlebenskampf zu bestreiten.

 

"Die fast dreißigjährige Phase sozialpolitischer Gegenreform" - führt der Sozialwissenschaftler Thomas von Freyberg auf dieser Tagung aus - hat sich auch dieses kritischen Elements vergangener Reformdebatten bemächtigt und es verkehrt."

 

Ursprünglich war Resilienz gewissermaßen die Schwester der kritischen Pädagogik. Hier der Ressourcenansatz der kritischen Pädagogik, dort die seelische Widerstandskraft der Individuen. Es sei vor allem die "positive Pädagogik", eine Pädagogik, die nicht nach den gesellschaftlichen Verhältnissen menschlichen Handelns fragt, die der Uminterpretation des Begriffes den Boden bereitete.

 

Die zunehmende Vermarktlichung der Arbeitsbeziehungen "findet im pädagogischen Jargon ihre Ergänzung in der Rede vom resilienten Kind: einem Stehaufmännchen!", so Thomas Freyberg. "Das Resilienzkonzept legitimiert (...) den Rückzug des Staates aus seiner sozialstaatlichen Selbstverpflichtung, in dem es die sozialen, richtiger: asozialen Folgen neoliberaler Politik und Ökonomie für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zum einen "privatisiert", zum anderen auf die überforderten Systeme öffentlicher Erziehung und Bildung und auf die dort arbeitenden Professionellen abwälzt."

 

"Selbstverständlich", so Thomas Gebauer, "spricht nichts dagegen, die Widerstandskraft von Menschen zu stärken (...) Absurd wird es aber,  wenn das Bemühen um Resilienz zur Rechtfertigung herhalten muss, um nichts mehr gegen die Ursachen von Krisen tun zu müssen."

 

Weitere Informationen zur Tagung: https://www.medico.de/fit-fuer-die-katastrophe-15981/

 

Die Zitate sind dem Medico-Rundschreiben 2/15 und den Dokumenten entnommen.

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Rita Büchel Ι 31.08.2015
Einen guten Begriff nicht kaputt machen
Auch ich beobachte die Sinnveränderung und Ausbreitung des Begriffs Resilienz, den ich schon lange in der Arbeit verwende. Das gute Wort mit der guten Idee dahinter wird verfälscht. Eine der Pionierstudien zu Resilienz kommt von Emmy Werner und anderen über die Straßenkinder von Kauai. 700 Kinder eines Jahrgangs, die unter widrigen Verhältnissen groß wurden, sind 40 Jahre lang beobachtet und getestet worden. 1/3 der Kinder wurden lebenstüchtige Erwachsene. Was machte sie anders als ihre Jahrgangsgruppe? Sie hatten z.B. alle eine erwachsene Bezugsperson, das mussten nicht die Eltern sein. Ein Onkel, Pfarrer, Großmutter… Resilienz als seelische Widerstandskraft, sich nicht unterkriegen lassen, sich Hilfe holen und Positives betonen, das kennen alle, die schon einmal um ihren Arbeitsplatz gekämpft haben oder wieder aufstanden, nachdem der Arbeitsplatz weg war. Das hat was mit Anpassung an die kritische Situation zu tun, mit Veränderung gestalten und mit Würde. Dieser Begriff beinhalten nicht, dass jeder nur noch auf sich schaut oder den Rückzug des Staates aus seinen Aufgaben akzeptabel findet. Die Idee bei der Resilienz ist: Was kann ich von den Menschen lernen, die Schlimmes erlebt haben und doch seelisch heil geblieben sind?
Tilmann Krogoll Ι 28.08.2015
Resilienz - Danke für Eure Warnhinweise!
Ich bin Euch sehr dankbar, dass Ihr das Thema und mit dem Link auch sehr ausführlich die dazu gehörende Tagung dokumentiert. Resilienz taucht jetzt immer häufiger in den Betrieben auf, wo es vorher fast nur in der Schule zu hören war: wie resilient ist denn der Herr Lehrer und sind die Schüler vielleicht neben Nachhilfe auch noch auf mehr Resilienz zu trimmen? Na danke! Ich finde, wir sollten uns aber trotz alledem zukünftig mehr mit konstruktiven Ideen zur Stärkung einer bewussten und proaktiven Resilienz in den Betrieben befassen.

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