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Berufsbildungsbericht 2021

Die duale Berufsausbildung befindet sich -quantitativ- in einer Abwärtsspirale.

06.05.2021 Ι Es ist fünf vor zwölf auf dem Ausbildungsmarkt - deshalbt braucht es eine Ausbildungsgarantie jetzt! Wir haben schon im ersten Corona-Jahr 2020 ein Minus von 11 Prozent bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen gehabt. Die Zahl der Neuverträge ist damit erstmals seit der Deutschen Einheit unter die 500.000er-Marke gefallen (467.000).

Bereits mit der IG Metall Ausbildungsbilanz 2020 mahnte Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandmitglied der IG Metall an, dass "wenn jetzt nicht endlich gegengesteuert wird und die Bundesregierung die Situation weiter nur schönredet, [...] drohen mehr und mehr Jugendliche durch die immer wackligeren Planken des Ausbildungsmarktes zu fallen." In den Augen der IG Metall braucht es mehr als kurzfristige Lösungen. Es handelt sich nicht nur um einen krisenbedingten Einbruch. "Wir brauchen endlich eine Ausbildungsgarantie, die Jugendlichen eine Perspektive bietet und die Unternehmen in die Pflicht nimmt, die benötigten Fachkräfte auszubilden statt nur nach ihnen zu rufen," so Hans-Jürgen Urban.

 

Zum Berufsbildungsbericht, der gestern im Bundeskabinett beschlossen wurde griff auch Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende diese Vorerung auf: "Zwar war und ist das Bundesprogramm "Ausbildungsplätze sichern" eine ordentliche Erste Hilfe in der akuten Krise. Grundsätzlich braucht die Berufsbildung in Deutschland aber eine strukturelle Therapie. Notwendig ist eine Ausbildungsgarantie nach dem Vorbild Österreichs, um den Jugendlichen, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz finden, den Einstieg in das erste Ausbildungsjahr zuzusichern. Und dies notfalls auch bei einem außerbetrieblichen Träger. Diese Garantie muss immer die Möglichkeit umfassen, die Ausbildung komplett zu absolvieren und eine Abschlussprüfung zu machen. Der Ausbildungsmarkt befindet sich aktuell im Sinkflug."

(Quelle DGB)

Und auch von Seiten der Bundesregirung werden die Äußerungen drastischer: "Die Schrumpfung des Ausbildungsmarktes besorgt mich zutiefst." So Bundesbildungsministerin Anja Karliczek zur Veröffentlichung des Berichts in Berlin. "Der Bericht zeigt einen Rückgang des Ausbildungsangebotes der Betriebe um 8,8 Prozent auf 527.400. Gleichzeitig sank die Ausbildungsnachfrage auf 496.800. Das sind 9,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Zahl unbesetzter Ausbildungsstellen ist im Vergleich zum Vorjahr um 12,8 Prozent auf 59.900 gestiegen. Für die Zahl der unversorgt gebliebenen Bewerberinnen und Bewerber ergab sich ein Anstieg um 19,7 Prozent auf 29.300 Personen."

(Quelle: BMBF)

Und wer hofft, dass sich der Ausbildungsmarkt wundersam nach der Pandemie wieder zu alter Stärke / Schwäche entwickelt, den erdet die Aussage des BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser: "Die Rückgänge am Ausbildungsmarkt sind nicht ausschließlich auf die Corona-Pandemie zurückzuführen. [...] Mit Blick auf die zukünftige Fachkräftesicherung bedeuten die starken Rückgänge im Jahr 2020 eine noch nie dagewesene Herausforderung, die wir entschlossen und gemeinsam angehen müssen. Denn nur wer gerade jetzt in berufliche Aus- und Weiterbildung investiert, wird morgen bei wieder anspringender Konjunktur über die dringend benötigten Fachkräfte verfügen und so unseren Wohlstand dauerhaft sichern. Den Fachkräftebedarf durch berufliche Aus- und Weiterbildung zu sichern, ist und bleibt die beste Strategie, denn dadurch gewinnen die Unternehmen genau die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den eigenen betrieblichen Anforderungen am besten entsprechen."

(Quelle: BIBB)

 

Es ist fünf vor zwölf auf dem Ausbildungsmarkt. Wir haben schon im ersten Corona-Jahr 2020 ein Minus von 11 Prozent bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen gehabt. Die Zahl der Neuverträge ist damit erstmals seit der Deutschen Einheit unter die 500.000er-Marke gefallen (467.000).

 

Die Krise ist zudem noch nicht vorbei. Erste Daten deuten jetzt schon auf einen weiteren Rückgang von 10 Prozent hin. Bestätigt sich dieser Trend, droht uns innerhalb von zwei Jahren ein Verlust von fast 100.000 Neuverträgen. Die duale Berufsausbildung befindet sich - quantitativ - in einer Abwärtsspirale.

 

Die Corona-Krise trifft auf einen ohnehin schon angespannten Ausbildungsmarkt. Schon vor der Pandemie hingen die Ausbildungschancen junger Menschen von ihrem Wohnort, ihrem Schulabschluss und dem Pass ihrer Eltern ab.

 

Die Krise könnte insbesondere Jugendliche treffen, die höchstens einen Hauptschulabschluss haben. Schon heute haben 33,0 Prozent der jungen Menschen mit Hauptschulabschluss im Alter von 20 bis 34 Jahren keinen Berufsabschluss (BIBB-Datenreport 2020, S. 281). Ihnen könnte der Sprung in Ausbildung noch schwerer fallen.

 

Dies ist besonders dramatisch, da es schon zwischen 2011 und 2019 trotz einer guten demographischen (es gab schlicht weniger junge Menschen "zu versorgen") und vergleichsweise einer guten konjunkturellen Entwicklung nicht gelungen ist, die Zahl der Personen ohne Ausbildungsabschluss im Alter von 20 bis 34 Jahren zu senken. Lag die Zahl 2011 noch bei 1,98 Millionen (13,8 Prozent), ist sie 2019 auf 2,16 Millionen (14,7 Prozent) gestiegen. Die Ausbildungslosigkeit könnte sich erneut verschärfen.

 

Mehr noch: Dem Ausbildungsmarkt drohen Langzeitschäden. Schon heute verzeichnen große Branchen, aber auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) sinkende Zahlen für das Ausbildungsjahr 2021. Eine Parallele zur globalen Finanzkrise 2009 zeichnet sich ab. Im Jahr 2008 gab es 616.300 abgeschlossene neue Ausbildungsverträge. Im Jahr 2009 gab es ein Minus von 52.000 Verträgen (564.300). Dieser Rückgang wurde nie aufgeholt. Im Gegenteil: Seit 2013 liegt die Zahl der abgeschlossenen Verträge trotz robuster Konjunktur und steigender Zahl sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter zwischen 520.000 und ca. 530.000 Verträgen. Diesen Substanzverlust hat die duale Berufsausbildung niemals aufgeholt.

 

724.310 ausbildungsinteressierte Personen wurden 2020 institutionell erfasst. Obwohl alle in der Lage gewesen wären, eine Ausbildung zu beginnen, sind nur 64,5 Prozent in eine Ausbildung eingemündet. 2019 lag diese sogenannte Einmündungsquote der ausbildungsinteressierten Jugendlichen (EQI) noch bei 66,7. Gleichzeitig ist der Anteil der unbesetzten Ausbildungsstellen im Jahr 2020 gegenüber 2019 um 12,8 Prozent gestiegen. Es ist Gift für unsere Gesellschaft, wenn Betriebe über die wachsende Zahl an unbesetzten Ausbildungsplätzen klagen und gleichzeitig zahllose Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden.

 

Die Fokussierung der Bundesregierung auf die Angebots-Nachfrage-Relation im Berufsbildungsbericht 2021 verstellt in diesem Jahr den Blick auf die tatsächlichen Herausforderungen auf dem Ausbildungsmarkt. Gerade im Jahr 2020 ist es der BA aufgrund der Infektionsschutzmaßnahmen nicht gelungen, den Kontakt zu vielen Jugendlichen aufzubauen. Deshalb ist, auch wegen der stabilen Zahl der Schulabgänger und Schulabgängerinnen davon auszugehen, dass etliche unversorgte Bewerberinnen und Bewerber noch nicht in der Statistik erfasst wurden.

 

Die Bundesregierung darf den Negativtrend auf dem Ausbildungsmarkt nicht verwalten und nicht - wie zumindest in der politischen Zusammenfassung im Berufsbildungsbericht 2021 geschehen - beschönigen. Bund, Länder und Sozialpartner müssen vielmehr aktiv gegensteuern, um Langzeitschäden der Corona-Krise für die berufliche Bildung zu verhindern. In der Allianz für Aus- und Weiterbildung haben wir wichtige Punkte vereinbart.

  • Das Bundesprogramm "Ausbildungsplätze sichern" setzt an den richtigen Stellen an, war im Jahr 2020 aber zu bürokratisch gestaltet. Die Bundesregierung hat deshalb beschlossen, dass nicht nur die Prämien, sondern auch die Hilfen zur Vermeidung von Kurzarbeit in der Ausbildung, zur Übernahme von Auszubildenden aus insolventen Unternehmen, für die Verbund- und Auftragsausbildung jetzt schneller und unbürokratischer an mehr Unternehmen fließen. Die Gewerkschaften begrüßen diesen Schritt.

 

  • Eine gute Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre, die Corona-Krise geht jetzt ins zweite Jahr. Viele Jugendliche haben deshalb bereits jetzt gut die Hälfte ihrer Ausbildung im Ausnahmezustand gelernt. In einer Betriebsumfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt sich: Fast jeder dritte Ausbildungsbetrieb konnte die Ausbildungsinhalte nicht wie vorgesehen vermitteln. Daher ist es gut und richtig, dass die Bundesregierung die Initiative der Gewerkschaften aufgegriffen hat und nun Betriebe gefördert werden, wenn sie ihren Auszubildenden eine kostenfreie Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen ermöglichen. Immerhin 40 Millionen Euro stehen hierfür bereit.

    Das Bundesprogramm "Ausbildungsplätze sichern" mit seinen Ausbildungsprämien mag als erste Hilfsmaßnahme dienen, es setzt aber nur an den Krisensymptomen an. Wir brauchen aber jetzt in der Ausbildung eine nachhaltige strukturelle Therapie. Nötig ist eine Ausbildungsgarantie nach dem Vorbild Österreichs, die den Jugendlichen, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz bekommen, den Einstieg in das erste Ausbildungsjahr in einer außerbetrieblichen Ausbildung bietet. Das ist allemal besser, als die Jugendlichen durch die zahllosen Wege im Übergangsbereich zu schleusen. Finanziert werden soll die Ausbildungsgarantie durch einen finanziellen Ausgleich zwischen ausbildenden und nicht ausbildenden Betrieben (tarifvertragliche Umlagen, wie in der Baubranche, sind dabei zu beachten). Denn es ist unfair, dass nur weniger als 20 Prozent der Betriebe noch ausbilden, aber 100 Prozent der Betriebe von den ausgebildeten Fachkräften profitieren.

 

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Timo Gayer Ι 27.05.2021
Jedes vierte Ausbildungsunternehmen stellt 2020 weniger Azubis ein
Einer Sondererhebung im repräsentativen KfW-Mittelstandspanel zufolge hat im vergangenen Jahr jedes vierte (26 %) ausbildende mittelständische Unternehmen aufgrund der Krise weniger neue Lehrlinge eingestellt als ursprünglich geplant. Hier ist die aktuelle Analyse abrufbar: https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-Volkswirtschaft-Kompakt/One-Pager-2021/VK-Nr.-211-Mai-2021-Azubis-Corona.pdf

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